Heiliges Gemeinschaftsmal mit Wurst und Schinken
Noch andere “Schwingungen” bestanden zwischen dem Grappenhof und dem Monte Verità.
Bei seinem Aufenthalt in Amden, schreibt Fidus in den Kleinen Lebenserinnerungen, habe nur noch auf einen Anlass gewartet, um seine Sachen zu packen und nach Zürich zu Elsa reisen zu können. [1] . Der Anlass sollte mit der Ankunft von Paul Lindtner, seiner Frau und seinem Bruder kommen. Lindtner hattte zusammen mit Paul Schirrmeister, Vorstandsmitglied der 1893 gegründeten Obstbau-Kolonie Eden und später Vorsitzender des “Deutschen Bundes der Vereine für naturgemäβe Lebens- und Heilweise”, Fidus im Frühjahr 1903 besucht, um ihn für Josua Klein als “Geistesführer” zu erwärmen. [2] Fidus erzählt:
Lindtners brachten allerlei “Gutes” mit, so auch – Wurst und Speck. Als wir zum ersten gemeinsamen Mittagsmahle wollten, kam wieder ein Besucher “zu mir”. Es war der Naturdichter, Maler und Wanderer Gusto Gräser, der in der Reformer-Siedlung des Belgiers Oedenkofen bei Ascona am Lago maggiore sesshafte Brüder hatte, dessen jüngerer, auch Maler, ehemals östr. Offizier, aber bald starb. Karl Gräser hatte sich ein Naturhaus gebaut, in welchem alle Möbel aus Naturästen und -knorren bestanden. Seine Frau war eine Schwester der Oedenkoven. Gustav aber wanderte durch die Lande und “besuchte” Gesinnungsgenossen” solange, bis sie ihn wieder weiter wiesen. Denn er verachtete das Geld und hatte keines. Er ließ also andere, die es redlich brauchten, für sich sorgen! Er ging dabei malerisch in estischer Zigeunertracht, schön aber unzivilisiert mit umwickelten Beinen und “Opanken” an den Füßen. Er sang seine Lieder mit schöner Baritonstimme, und verkaufte wohl auch von seinen eigenen Bildkarten, das Geld nur benutzend, um sie weiter drucken zu lassen. So war er auch schon in Friedrichshagen zu uns gekommen. Nun kam er zum Grappenhofe und wurde, wiederum trotz meiner Warnung von Josua zu tisch geladen. Man wusste, daß er Vegetarier war; aber Josua, der alle Gesetze selbst bestimmen wollte fragte ihn, ob er nun der Gemeinschaft willen auch alles mitessen würde. Gusto wich aus und sagte er wisse nie vorher, was er in jedem Lebensfalle tun würde, er handle dann nach seiner inneren Stimme. Die lässt Josua ja bei Andern! nicht gelten; er sagt “das Leben spricht” wenn er seinen Einfall walten lassen will. So fragte er ihn, ob er z.B. mit ihnen alsobald Wurst u. Schinken essen würde, um des Bleibens in der Gemeinschaft würdig zu sein. Und rief den Jungen zu diese Leckereien herbei zu holen. Dann sagte er feierlich “Nun wollen wir in einem heiligen Gemeinschaftsmal auch diese Speisen heiligen und unsern Bund mit diesen besiegeln!” – Da hatte ich genug, der Anlaß war da! Ich stand auf, sprach einen Abschiedssegen dafür und reichte nur Josua die Hand, der sie mir verstummt nicht verweigerte. Dann ging ich hinauf und packte meine Restsachen! Gusto aber, statt sich mir anzuschließen blieb und aß mit. Mir war es ja nicht um das bischen Wurst u. Schinken, zum Ekel, sondern um des lächerlichen Getues willen! [3]
Und er fügt an: “Ich mied weitere Gemeinsamkeiten, selbst mit Gusto Gräser, um ihn (nach Nietzsche) Scham zu ersparen.” [4]
Letzte Änderung: 29. Juli 2009



