Fidus-Projekt

Kunst und Lebensreform

Flammarions Holzstich III

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Mr et Mme C. Flammarion: Auch ein Blick in die Ewigkeit.

Mr et Mme C. Flammarion: Auch ein Blick in die Ewigkeit.

Wenn Fidus Flammarions Holzstich tatsächlich zitiert hat, würde das durchaus Sinn machen angesichts der übrigen formalen und inhaltlichen Bezüge der Serie für die Günther Wagner zum Mittelalter beziehunghsweise zu mittelalterlicher Kunst (vgl. Aufgehen der Eltern in der Liebe zu ihren Kindern oder Rein zufällig?). Allerdings stellt sich die Frage, ob Fidus die Darstelluing gekannt hat beziehungsweise überhaupt gekannt haben kann.

Denn bei Flammarions Holzstich handelt es sich nicht, wie lange Zeit angenommen worden ist, um ein Werk des Mittelalters, sondern eine Illustration aus dem 19. Jahhundert zur Veranschaulichung der angeblichen Vorstellung im Mittelalter von Himmel und Erde. [1] Der französische Astronom Camille Flammarion liess ihn von einem unbekannten Stecher anfertigen und veröffentlichte ihn 1888 in seinem Werk L’ atmosphère. Météorologie populaire. Im deutschen Sprachraum wurde der Holzstich wahrscheinlich das erste Mal in dem weitverbreiteten, 1903 erstmals aufgelegten Werk Weltall und Menschheit veröffentlicht. Als Quelle der Illustration zum Beitrag Die Erforschung des Weltalls von Wilhelm Foerster, dem bekannten Direktor der Königlichen Sternwarte in Berlin, wurde als Quelle zwar Flammarion genannt, als Titel aber fälschlicherweise Astronomie statt L’ atmosphère angegeben. [2]

Es ist also durchaus denkbar, dass Fidus den Holzstich gekannt hat. Vielleicht aber auch über einen anderen Weg: Flammarion war Mitbegründer und Mitglied der französischen Theosophischen Gesellschaft. Seine Bücher, zu denen neben zahlreichen populär-wissenschaftliche Anhandlungen auch phantastische Romane gehören, waren möglicherweise auch in theosophischen Kreisen in Deutschland vorhanden. [3] Allerdings hatte Flammarions Holzstich damals wohl kaum die grosse Popularität, die er heute nach wie vor hat. [4]

  1. Bruno Weber: Ubi caelum terrae se coniungit. Ein altertümlicher Aufriß des Weltgebäudes. In: Gutenberg-Jahrbuch 1973. S. 381-408. Zur Darstellung auch Flammarions Holzstich in der deutschen Wikipedia. []
  2. Hanno Kremer (Hrsg.): Weltall und Menschheit. Geschichte der Natur und der Verwertung der Naturkräfte im Dienste der Völker. Dritter Band. Berlin, Leipzig, Wien, Stuttgart. S. 45. []
  3. Zu Flammarion etwa der Eintrag Camille Flammarion in der deutschen Wikipedia. []
  4. Mit der Problematik von Flammarions Holzstich beschäftigen sich auch die im folgenden aufgeführten Aufsätze. Wolfgang Bickel: “Das kanonische Bild” – ein problematischer Gegenstand. In: Praxis Geschichte. Heft 5, 1998. S. 56-58. Online: “Das kanonische Bild” – ein problematischer Gegenstand. Georg Peez: Ausblick und Einsicht. Zur Verbildlichung von Selbstbildung auf einem vermeintlich mittelalterlichen Holzschnitt. In: Hessische Blätter für Volksbildung, Heft 4. 2002. S. 324-330. Online: Ausblick und Einsicht. Georg Peez: Zum Beispiel: Anonymer und undatierter Holzschnitt. Zur Verbildlichung einer “kreativen Grenzerfahrung”. In: Kunst + Unterricht, Heft 261, 2002. S. 54-56, Online: Zum Beispiel: Anonymer und undatierter Holzschnitt. Clemens Albrecht: Wörter lügen manchmal, Bilder immer. Wissenschaft nach der Wende zum Bild. In: Wolf-Andreas Liebert, Thomas Metten (Hg.): Mit Bildern lügen. Köln 2007. S. 29-49. Online: Wörter lügen manchmal, Bilder immer. []

Letzte Änderung: 17. März 2010


Verfasst von Edi Goetschel

März 16th, 2010 at 10:59 pm

Posted in Ikonographie

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