Die Toteninsel als Filmschauplatz
Immerhin hat es Arnold Böcklins Die Toteninsel zum Filmschauplatz geschafft.
In dem von Val Lanton produzierten kammerspielartigen Schwarzweissfilm Isle of the Death mit Boris Karloff aus dem Jahre 1945 werden der Anlegeplatz des Ruderboots, die dunkle Grabkammer in der linken und ein Haus in der rechten Bildhälfte sowie das Zypressenwäldchen, das sie trennt und verbindet, zur einer traumhaften Szenerie, die den Zuschauern und Zuschauerinnen ebenso vertraut ist wie sie letztlich unheimlich, unwirklich und unfassbar bleibt. Dies auch, weil sie verfremdet immer als gemalte, zerbrechliche Kulissenwelt wahrgenommen wird.
Böcklin selbst ist als Bild in seinem Bild durch das bekannte Selbstbildnis mit fiedelndem Tod präsent und schaut so gewissermassen wie durch ein Fenster von der anderen Seite der Wirklichkeit, in diesem Falle gleichzeitig in und aus einer Welt jenseits der Scheinwelt des Films, der Welt der Kunst als Sphäre der Verewigung auch in die (inszenierte) Wirklichkeit.
Nicht weniger vetrackt ist die Situation in The Tales of Hoffmann, der Verfilmung von Jacques Offenbachs Oper von Michael Powell und Emeric Pressburger aus dem Jahre 1951 (bei YouTube in 12 Teilen unter The Tales of Hoffmann).
Der Telepolis-Autor Hans Schmid führt dazu aus:
Im 3. Akt gibt es eine kleine Studie zur Verunsicherung des Publikums im Horrorfilm durch das Spiel mit zweiter und dritter Dimension. Auf der flächigen Kinoleinwand fährt ein scheinbar dreidimensionaler E. T. A. Hoffmann in einem Boot auf ein gemaltes, zweidimensionales Bühnenbild zu, eine von Hein Heckroth geschaffene Variation auf Arnold Böcklins Gemälde “Die Toteninsel” – ein Bühnenbild, das doch dreidimensional zu sein scheint, weil man die Insel betreten kann (oder auch: zu dem der Held Zugang hat, weil er das zweidimensionale Abbild des in einer dreidimensionalen Welt lebenden Hoffmann-Darstellers ist).
Das in Böcklins Gemälde hineinfahrende Boot ist ein doppeltes Zitat. In Val Lewtons Isle of the Dead (1945) trägt die in die Fläche des Bildes führende Bootsfahrt Boris Karloff in die Tiefe des Raumes. Bei Powell wird das Ganze noch komplizierter, weil uns, den Zuschauern, durch Hoffmanns Landung auf der Insel bewusst wird, dass wir von Anfang an Teil des gemalten Bühnenbildes waren. Den festen Standpunkt kann es so nicht geben. [1]
Wie in Isle of the Death durchweben sich die in einer artifiziellen Wirklichkeit spielende Geschichte mit der verführerischen Welt der Illusionen und der Sphäre des Übersinnlichen. Wobei die Künstlichkeit im Farbfilm weitaus grösser ist als beim Schwarzweissfilm. Die Szenen wirken wie die zum Leben erweckten Szenen eines Bilderbuchs (die Einleitung zur Szene bildet ein Foroalbum oder ein Programmheft mit Schwarzweissfotos und einer Zeichnung der Insel). Dasselbe geschieht auf einer weiteren, “räumlichen” Ebene mit den Skulpturen im Bild, die scheinbar oder tatsächlich, was nicht auszumachen ist, zum Leben erweckt werden.
Auch in The Tales of Hoffmann findet sich übrigens eine Anspielung auf Böcklins Selbstbildnis mit fiedelndem Tod und damit ein weiteres Zitat von Isle of the Death.
- Hans Schmid, “Das Königreich in Gefahr: Spione, Horror-Comics und der Klebstoffmann”, in: Telepolis, 19. Juni 2010. [↩]
Letzte Änderung: 26. September 2011






