Fidus-Projekt

Kunst und Lebensreform

Aus sicherer zeitlicher und räumlicher Distanz

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Der zitierte Brief von Henri Odenkoven erwähnt zwar das Atelier, aber eben gerade nicht einen oder verschiedene Tempel (vgl. Sehr gerne hätten wir hier das atelier bauen sehen).

1907 erhielt Fidus die Möglichkeit, ein Wohn- und Atelierhaus in Woltersdorf bei Berlin zu bauen. Kurz nach dem Besuch auf dem Monte Verità fuhr er dorthin, um dessen Bau zu beaufsichtigen. Dieser war von Arno Rentsch bereits in die Wege geleitet und begonnen worden. Für Oedenkoven dürfte damit von Anfang klar gewesen sein, dass Fidus nach dem zweiten Schweizer Aufenthalt 1906/07 sich in Deutschland niederlassen würde. Das freundliche “Angebot” eineinhalb Jahre nach dem Besuch auf dem Monte Verità für etwas, das nicht mehr zur Diskussion stand, geschieht also aus sicherer zeitlicher und räumlicher Distanz.

Vermutet werden kann etwa, dass Fidus 1908 eine Exemplar seiner damals erschienene Mappe Lebenszeichen Oedenkoven geschickt hatte, wofür dieser sich zum Jahresende höflich bedankte. Jedenfalls kann der Eingangssatz so ausgelegt werden: “Ausserordentlich erfreut[e] mich ihre errinnerung.” Nicht, dass es Oedenkoven freut, sich an Fidus zu erinnern, sondern dass Fidus an Oedenkoven gedacht und ihm buchstäblich ein Lebenszeichen gesandt habe. Was die Mappe selbst betrifft, bleibt Oedenkoven merkwürdig unverbindlich: “Auch ihre lebenszeichen erklären einiges; sprechend sind sie, wie sie es wünschen.” Aber offensichtlich liessen sie Oedenkovens Fragen unbeantwortet.

Hätte ein Werkhaus, so wie es Fidus etwa in Amden geplant hatte, zu den damals anspruchslosen Bauten auf dem Monte Verità gepasst, stellt sich die Frage, ob sich die Monumentalität seiner Tempel mit dem Individualismus der Kolonie vertragen hätte. Mit ihrem anspruchsvollen inhaltlich-künstlerischen Konzept haben sie zudem etwas ebenso Artifizielles wie Sektiererisches, das kaum mit den Ideen einer Siedlung und vor allem eines Sanatoriums, das sich auf natürliche Heilweisen beruft, in Einklang zu bringen gewesen wäre.

Dass das Projekt Grappenhof in Amden 1906 als gescheitert betrachtet werden musste, dürfte zudem nicht unbedigt förderlich gewesen sein, bereits im Jahr darauf ein Grossprojekt auf dem Monte Verità in Angriff zu nehmen. Überhaupt: Was von Fidus hätte gebaut werden sollen? Ein einzelner Tempel? Der Tempel der Erde vielleicht, der umgeben von Wasser wohl besser im Lago Maggiore als auf einem Hügel gestanden hätte? Oder sogar verschiedene Gebäude wie in Amden?


Letzte Änderung: 5. Januar 2012


Verfasst von Edi Goetschel

Januar 1st, 2012 at 8:26 pm

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