Fidus-Projekt

Kunst und Lebensreform

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Kein bleibender Eindruck

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Erstaunlich ist, dass keine Zeichnungen oder Skizzen des Besuchs von Fidus auf dem Monte Verità erhalten sind. Vielleicht nicht Landschaftsstudien aber Blätter, die mit Ort und Datum bezeichnet sind.

Das Fehlen des Monte Verità im Werk von Fidus legt die Schlüsse nahe, dass er sich nicht lange dort aufgehalten haben wird und/oder nicht als Künstler dort war, sondern nur Besucher, und schliesslich dass der Aufenthalt keinen (auch buchstäblich) bleibenden Eindruck hinterlassen hat. Jedenfalls damals nicht, denn später mystifizierte Fidus den Monte Verità hemmunsglos (worauf noch zurückzukommen sein wird).

Die Sache ist vielleicht komplizierter. Möglicherweise stand Gusto Gräser ihm im Weg, oder Fidus bildete sich das ein, nachdem er ihn zum Vorwand gemacht hatte, Amden zu verlassen (vgl. Heiliges Gemeinschaftsmal mit Wurst und Schinken ). Als er sich 1907 in Ascona aufhielt, war Gusto nicht dort (vgl. Indessen sein Erbauer auf Reisen gegangen). Vielleicht hat Fidus den Zeitpunkt für seinen Besuch durchaus mit Bedacht gewählt.

Auch wenn Fidus auf dem Monte Verità hätte bauen können oder zumindest ein Atelier einrichten, stellt sich die Frage, ob das Leben dort seinen Vorstellungen entsprochen hätte. Im Zusammenhang mit dem Aufenthalt in Amden bemerkt Fidus, dass die “bürgerlichen Ansprüche” seiner Frau zu Reibereien geführt hätten. Vergleichbare bürgerliche Ansprüche dürfte er allerdings auch selber gehabt haben. Und besonders die Nähe zur Weltstadt Berlin oder wenigstens der Kunstmetropole München dürfte ihm gefehlt haben (Zürich bezeichnete er als “gewissermassen Weltstadt”, deren leichte Erreichbarkeit von Amden er schätzte). Wobei auch Woltersdorf nicht Berlin ist, die Siedlung aber einen Kompromiss zwischen Lebensreform-Experiment und bürgerlichem Eigenheim-Traum darstellt.

Written by Edi Goetschel

Januar 4th, 2012 at 4:01 pm

Aus sicherer zeitlicher und räumlicher Distanz

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Der zitierte Brief von Henri Odenkoven erwähnt zwar das Atelier, aber eben gerade nicht einen oder verschiedene Tempel (vgl. Sehr gerne hätten wir hier das atelier bauen sehen).

1907 erhielt Fidus die Möglichkeit, ein Wohn- und Atelierhaus in Woltersdorf bei Berlin zu bauen. Kurz nach dem Besuch auf dem Monte Verità fuhr er dorthin, um dessen Bau zu beaufsichtigen. Dieser war von Arno Rentsch bereits in die Wege geleitet und begonnen worden. Für Oedenkoven dürfte damit von Anfang klar gewesen sein, dass Fidus nach dem zweiten Schweizer Aufenthalt 1906/07 sich in Deutschland niederlassen würde. Das freundliche “Angebot” eineinhalb Jahre nach dem Besuch auf dem Monte Verità für etwas, das nicht mehr zur Diskussion stand, geschieht also aus sicherer zeitlicher und räumlicher Distanz.

Vermutet werden kann etwa, dass Fidus 1908 eine Exemplar seiner damals erschienene Mappe Lebenszeichen Oedenkoven geschickt hatte, wofür dieser sich zum Jahresende höflich bedankte. Jedenfalls kann der Eingangssatz so ausgelegt werden: “Ausserordentlich erfreut[e] mich ihre errinnerung.” Nicht, dass es Oedenkoven freut, sich an Fidus zu erinnern, sondern dass Fidus an Oedenkoven gedacht und ihm buchstäblich ein Lebenszeichen gesandt habe. Was die Mappe selbst betrifft, bleibt Oedenkoven merkwürdig unverbindlich: “Auch ihre lebenszeichen erklären einiges; sprechend sind sie, wie sie es wünschen.” Aber offensichtlich liessen sie Oedenkovens Fragen unbeantwortet.

Hätte ein Werkhaus, so wie es Fidus etwa in Amden geplant hatte, zu den damals anspruchslosen Bauten auf dem Monte Verità gepasst, stellt sich die Frage, ob sich die Monumentalität seiner Tempel mit dem Individualismus der Kolonie vertragen hätte. Mit ihrem anspruchsvollen inhaltlich-künstlerischen Konzept haben sie zudem etwas ebenso Artifizielles wie Sektiererisches, das kaum mit den Ideen einer Siedlung und vor allem eines Sanatoriums, das sich auf natürliche Heilweisen beruft, in Einklang zu bringen gewesen wäre.

Dass das Projekt Grappenhof in Amden 1906 als gescheitert betrachtet werden musste, dürfte zudem nicht unbedigt förderlich gewesen sein, bereits im Jahr darauf ein Grossprojekt auf dem Monte Verità in Angriff zu nehmen. Überhaupt: Was von Fidus hätte gebaut werden sollen? Ein einzelner Tempel? Der Tempel der Erde vielleicht, der umgeben von Wasser wohl besser im Lago Maggiore als auf einem Hügel gestanden hätte? Oder sogar verschiedene Gebäude wie in Amden?

Written by Edi Goetschel

Januar 1st, 2012 at 8:26 pm

Der Mythos von den Tempeln auf dem Monte Verità

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Wiederholt wurde die Vermutung geäussert, dass Fidus oder Henri Oedenkoven, Mitbegründer und Mitbesitzer der Siedlung und des Sanatoriums Monte Verità, mit dem Gedanken gespielt hätte, einen oder mehrere Tempel auf dem Hügel bei Ascona zu errichten.

Begründet hat den Mythos wahrscheinlich die Ausstellung Monte Verità. Berg der Wahrheit. Lokale Anthropologie als Beitrag zur Wiederentdeckung einer neuzeitlichen sakralen Topographie von Harald Szeemann 1978/79 im Kunsthaus Zürich beziehungsweise der Katalog dazu.

In ihrem Beitrag “Hütten und Tempel: Zur Mission der Selbstbesinnung” behauptet die Kunsthistorikerin Antje von Graevenitz: “Da Fidus sich als Künstler der Lebensreform verstand, ‘riss’ man sich in Amden und auf dem Monte Verità geradezu darum, ihn für sich zu gewinnen.” [1]

Und sie führt aus:

Josua Klein lud Fidus 1903 ein, um seine drei Tempel auf der Anhöhe der theosophische Kolonie auf dem Grappenhof bei Amden zu errichten. Offensichtlich hatte man sich auf dem Monte Verità Ähnliches gewünscht, denn Henri Oedenkoven bedauerte auf einer Karte an Fidus vom 29. Dezember 1908: “Sehr gerne hätten wir hier das Atelier bauen sehen.”

Auch der Kunstkritiker und -theoretiker Theo Kneubühler phantasiert in seinem Katalogtext über Künstler und Künstlerinnen, Schriftsteller und Schriftstellerinnen und das Tessin über Tempelpläne. Er bemerkt, Fidus habe im Sommer 1907 den Monte Verità besucht und sich kurze Zeit dort aufgehalten: “Wahrscheinlich versuchte er zu überprüfen, wie weit eine Tempelidee dort sich realisieren liesse.” [2] Wie er zu dieser Annahme gelangte, bleibt offen.

  1. Monte Verità. Berg der Wahrheit. Lokale Anthropologie als Beitrag zur Wiederentdeckung einer neuzeitlichen sakralen Topographie, Agentur für geistige Gastarbeit, Harald Szeemann, Civitanova Marche, Tegna und Milano 1978, S. 93. Vgl. Auf dem Hügel der Vegetarier. []
  2. Ebda., S. 142 f. []

Written by Edi Goetschel

Dezember 4th, 2011 at 6:44 pm