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Massenaufmarsch der Naturmenschen
Die Wandlung, die der “Naturmensch” und seine Idylle vom Beginn des 20. Jarhunderts bis zur “Spatenwacht” von Fidus (vgl. Uralt-arische Bodenbetreuung) durchgemacht hat, ist offensichtlich: Der “Naturmensch” ist zur mehr oder weniger gleichgestalteten und vollkommen gleichgeschalteten, austauschbaren Figur geworden. Die geometrisch konstruierte Ornamentik der Komposition, ihre strenge Symmetrie und die ins Unendliche fortgesetzte Formation der Spatenwächter erinnert unweigerlich an die Choreographie der Massenaufmärsche der Nationalsozialisten. Aus der friedlichen Gartenarbeit, wie sie eine Karte des Monte Verità zeigt, ist die ebenso heroische wie letzlich absurde Verteidigung des Bodens gegen einen imaginären Feind geworden: Dieser wird auf dem Bild nicht gezeigt beziehungsweise scheint durch die direkte Konfrontation der Betrachter oder die Betrachterin des Bildes zu sein. Oder auf einer anderen Ebene: Die gezeichnete Propagandatruppe steht bedrohlich oder zumindest abwehrend der realen Welt gegenüber. Auch wenn Fidus das wohl kaum so gemeint haben mag.
Uralt-arische Bodenbetreuung
Das Bild “Spatenwacht” spricht deutlich von Bodentreue und Bodenkultur, ja von Bodengemeinschaft. Es wurde 1930 begonnen, um der Bodenreform-Bewegung zu dienen, und konnte deshalb nicht heutigen jugendlichen “Arbeitsdienst” darstellen. Aber mit dem Spruch darunter trat es “ausgesprochen” der jüdischen Bodenverschacherung entgegen. Daß es aber “kommunistisch” oder “kollektiv” ausgelegt werden könnte – natürlich von meinen Gegnern -, liegt daran, dass man in einem Sinnbilde, daß hier überdies ein Gegenstück zu meiner “Schwertwache” von 1895 ist, nicht alles “sagen” kann. Sollte ich etwa lieber ein Einzelsiedlerglück “im Winkel” darstellen – daß würde ihm die monumentale und gemeinsinnige Größe nehmen. “Bodenreform” wollte vor allem den Boden retten, d.h. in Staatsschutz bringen und jeden Bewohner oder Bebauer zum redlichen, nützlichen Pächter oder Erbpächter machen – also im Grunde dasselbe, was das Dritte Reich mit dem “Erbhofleben” will – was eben schon uralt-arische Bodenbetreuung war. Deshalb darf man also das Bild nicht zeitparteiisch “drehen und deuteln”, sowenig wie die ehrliche “Bodenreform”, wo sie nicht etwa jüdisch vertarnte “Terrainspekulation” war. [2]
Dieselbe Rechtfertigung für das nicht mehr der Zeit entsprechende Motiv findet sich auch auf einer Postkarte [3] :
Schon damals für die Bodenreform gedacht, aber wegen meines ‘antisemitischen’ Spruches untunlich gewesen. Für heute sind es nun auch keine jungen ‘Arbeitsdienstler’ noch stilles Erbhofglück im Winkel – aber deutlicher als solche ‘Wirklichkeiten’ zeigt es: Bodentreue und Gemeinsinn!
Warum er den Spruch, eine Endlosschleife in der Art einer Beschwörung, einer Zauberformel oder eines “Mantra” entsprechend der Reihung oder Multiplizierung der Spatenwächter, als antisemtisch bezeichnet, kann ich derzeit nicht nachvollziehen: “Alle aus dem Boden für den Boden. Und der Boden für alle aus dem Boden.” Es scheint fast so, als hätte Fidus damit einen Bildinhalt konstruieren wollen, der aus heutiger Sicht zwar klar zu sein scheint, damals aber offensichtlich danach verlangte, was er vermeiden wollte, weil es letztlich seine Kunst in Frage stellte:
Eigentlich sage ich nicht gern etwas zu meinen einzelnen Bildern, trotzdem man so oft nach “Erklärungen” fragt. Denn echte Bilder, zumal meine Bilder, haben heute nichts mehr mit der begrifflichen Allegorie zu tun, in der immer jede Einzelheit und somit auch das Ganze etwas anderes “bedeuten” soll, als was man sehen kann. [4]
- Lorchers Astrologischer Kalender für das Jahr 1936, zwischen S. 96 und S. 97. [↩]
- Ebda., S. 174. [↩]
- Die Karte wurde zusammen mit 13 weiteren Karten im April 2007 in einer Auktion von der Galerie Bassenge angeboten, vgl. dazu Fidus: 14 kommentierte Kunst-Postkarten. [↩]
- Ebda., S. 173. [↩]
Die Welt der deutschen Seele öffnet ihre Tore
Beliebt war der Lorcher Astrologische Kalender aus dem Verlag Karl Rohm, in dem immer wieder Arbeiten von Fidus veröffentlicht wurden. In einem Beitrag zum 70. Geburtstag von Fidus, schreibt Rohm, dass er bereits 1891 auf ihn aufmerksam geworden sei. [1] Und erklärt:
Seit dieser Zeit bin ich ihm, dem “Getreuen” ein ebenfalls treuer Freund geblieben, und seit dem Tage, an dem ich zum erstenmal in seinem Atelier stand, ist kein Jahr vergangen, an dem ich nicht im Woltersdorfer Künstlerheim eingekehrt bin und mir von Fidus sein neues Schaffen zeigen ließ und mich mit ihm über ein Menschenalter geistiger Entwicklung unterhielt. [2]
Eine ganze Reihe von Arbeiten von Fidus sowie Texte von Rohm und Fidus sind in der Ausgabe für das Jahr 1936 erschienen. Als den “Maler der deutschen Seele” preist Rohm in seinem Beitrag Fidus und erklärt mit viel Pathos:
Die Stunde seelischen Erlebens kommt für jeden Deutschen; der Sonntag kommt, die Feierstunde kommt, die Liebe kommt – und mit der Liebe kommt die Innerlichkeit, kommen alle Wonnen feinsten Empfindens göttlichen Hauches, kommt die Andacht, kommt die Inspiration: die Welt der deutschen Seele öffnet ihre Tore; und – ihr Maler ist – - Fidus! [3]
Weniger feierlich ist Fidus selbst, wenn er in seinem Beitrag darlegt, dass er seine Bilder nicht gerne erklären würde, aber über “das seelische oder gar geistige Anregen” leider viel sagen müsse, “weil uns die Materialisten ein halbes Jahrhundert lang haben einreden wollen, daß sichtbare Kunst mit Seele und Geist nichts zu tun hätte”. [4] Dabei bleibt es allerdings nicht bei einer kunsttheoretischen Auseinandersetzung, wenn Fidus schimpft:
Verdreht ward es aber dann, daß gerade diese Materialisten, die als Führende Rassenfremdlinge waren, immer mehr eine “Kunst” vertraten und allmählich allein duldeten, die gar kein Augengenuß mehr war, sondern meistens das schrecklichste Gegenteil. Diese fremden Irrlehrer und Diktatoren nicht nur in den Künsten, sondern in aller abendlichen Kultur hatten überhaupt kein eigenes Kunstgefühl und auch keinen ehrlichen Bildungswillen, sondern nur die Absicht, die Seelen ihrer Wirtsvölker zu verwirren, ja zu verblöden. Letzterer Zweck wiederum: sie als mit sich selbst zerfallene Sklaven zu unterjochen. Wer dies vor dem Umschwunge zu sagen und dagegen zu schaffen wagte, der blieb bald nicht mehr in der “Oeffentlichkeit”, weder im Worte noch in Werken; er wurde erbarmungslos ausgedrosselt. [5]
“Die ‘moderne Kunst’”, betont Fidus weiter, “entartete in Hässlichkeit, Niedrigkeit, ja Niedertracht.” [6] Und er folgert:
Genug: infolge dieser Kunstverhetzung durch Fremdlinge ist es dahin gekommen, daß zwar anderthalb Jahrzehnt lang die albernste Sinnbildnerei als “Expressionismus” sich breit machen durfte, daß aber noch immer wahre Sinnbilder von “ernsten” Kunstfreunden, ja Kunstautoren als “nicht ernst zu nehmen” oder “Kitsch” abgelehnt werden. [7]





