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Aus zu weiter Tiefe der Gesellschaft

Besuch Wilhelmine Wöflings in der 'Naturmenschenkolonie' in Ascona. Kleines Bild: Villa Wölfling in Zug. Wiener Bilder, 1907.
Zusammengefasst wird die “Wölfling-Sache” auch im Artikel Das Ende eines Herzensromans, der Anfang Januar 1907 in der Illustrierten Wiener Bilder erschienen ist. [1] Die Moral der wahren Geschichte:
So endigt in nüchternster Prosa der Liebesroman eines Prinzen mit einem Mädchen aus dem Volke, das sich der Hochgeborene allerdings aus zu weiter Tiefe der Gesellschaft ausgewählt hatte. Es gibt eben Kulturstufen, welche auch die leidenschaftlichste Liebe nicht zu überbrücken vermag…. [2]
Der Grund für die im Beitrag angekündigte Scheidung des Paars sei der unüberbrückbare Gegensatz zwischen der “Geisteskultur des hochgebildeten Leopold Wölfling” und der “geistigen Armut” seiner Frau. Und der Artikel führt aus:
Vergebens bemühte sich Wöfling, das geistige Niveau seiner Lebensgefährtin zu heben und durch Erziehung und Belehrung auf die geistige Entwicklung der Frau einzuwirken. Mit Mühe brachte er ihr die Kunst bei, zu schreiben. Frau Wölfling hatte kein Interesse für die wissenschaftlichen Bestrebungen ihres Mannes, sondern lediglich für die bescheidenen Bedürfnisse ihres Heims. Sie verminderte diese Bedürfnisse noch durch ihre fanatische Neigung zum Vegetarianismus. [3]
Wobei über die “Kolonie der Naturmenschen” vergleichsweise nüchtern berichtet wird:
Im Tessiner Kanton bei Ascona hatte sich die Kolonie der Naturmenschen niedergelassen, welche groβe Anziehungskraft auf Frau Wölfling ausübte. Die Leute leben in Lehmhütten oder in Höhlen, welche tief in den Boden hineingegraben werden. Im Sommer bildet ein Feld das Wohnhaus dieser Familien, welche von der Kantonalregierung des Tessin die Erlaubnis zur Ansiedlung erhalten haben. Mehrere Familien leben hier das Leben von Naturmenschen. Da sie nichts Böses stiften, ehrlich sind und friedlich leben, läβt die Kantonalregierung sie ungestört ihr “Naturleben” führen. Die Leute ziehen kaum Kleidung an und die wenigen Fetzen, welche sie am Leibe haben, um ihre Blöβen zu bedecken, haben sie selbst hergestellt. [4]
Jedoch wird die Anspruchslosigkeit in Bezug auf die menschlichen Grundbedürfnissen Ernährung, Kleidung und Unterkunft als Ausdruk einer niederen Kulturstufe verstanden, wenn darauf hingewiesen wird: “Wölfling fügte sich insofern, als er sich mit der Pflanzennahrung begnügte, aber er leistete energischen Widerstand gegenüber den Versuchen, ihn auf das Niveau der Naturmenschen hinabzuziehen.” [5] Die Anziehungskraft der “naturgemässen Lebensweise” wiederum wird nicht nur mit fehlender Intelligenz und Bildung in Verbindung gebracht, sondern kann wohl als Folge davon zur Obsession führen, wie weiter festgehalten wird: “Seine Beziehungen zu seiner Frau wurden immer unerträglicher, da die Manie der Frau Wölfling in förmlichen Fanatismus ausgeartet war. [6]
Dabei wird Wöflings Frau durchaus Verständnis entgegengebracht, wenn ihre soziale Situation nicht bloss als durch das Schicksal bestimmte Erklärung herangezogen wird. So ist dem Artikel auch zu entnehmen:
Frau Adamovich-Wölfling ist bekanntlich die Tochter eines Postbeamten, der einen kleinen Gehalt bezog und mit zahlreicher Familie gesegnet war. Sie hatte ihre Mutter früh verloren und muβte, ohne vorher eine besondere Ausbildung genossen zu haben, das Vaterhaus verlassen und sich nach einem Lebenserwerb umsehen. So kam sie in jungen Jahren in dienende Stellung. In Osmütz nahm sie hierauf eine Stelle als Kassierin in einem kleinen Kaffeehause an, dann kam sie nach Wien und hier hat sie Leopold Wölfling, der damalige Erzherzog Leopold, kennen gelernt. [7]
Wo er ganz in die Kreise der Vegetarier geriet
In seiner Skandal-Chronik Das Kurisositäten-Kabinett, die 1923 erschienen ist, fasst Emil Szittya die “Wölfling-Sache” zusammen. Er kolportiert:
Unter die Interessenten der Kolonie gehörte eine Wiener Opernsängerin, Frau Langvara. In ihrer Gesellschaft fand ich den ehemaligen Erzherzog Leopold Wölfling mit seiner damaligen Gemahlin Vilma Adamowitsch. Trotzdem es einem damals noch sehr reizte, mit einem wirklichen Erzherzog bekannt zu sein, fand ich Herrn Leopold Wölfling ziemlich uninteressant; aber der Weg, der ihn zum bürgerlichen Leben führte, war charakteristisch. Vilma Adamovitsch war mit ihrer Freundin Langwara zusammen Theosophin und Spiritistin (diese beiden Strömungen vermischen sich sehr häufig, trotzdem sie manchmal im Kampfe stehen). Mit dieser Atmosphäre haben sie den jungen Erzherzog gefangen. Als er Adamowitschs Mann war, lockte sie ihn nach Askona, wo er ganz in die Kreise der Vegetarier geriet, bis ihm schliesslich die Geschichte zu dumm wurde, und er sich von ihr trennte.” [1]
- Emil Szittya: Das Kuriositäten-Kabinett. Begegnungen mit seltsamen Begebenheiten, Landstreichern, Verbrechern, Artisten, religiös Wahnsinnigen, sexuellen Merkwürdigkeiten, Sozialdemokraten, Syndikalisten, Kommunisten, Anarchisten, Politikern und Künstlern. Konstanz 1923. [↩]
Zum Schaden des guten Ansehens der vegetarischen Lebensweise
Wohl kaum eine andere Zeit des Monte Verità ist so ausführlich dokumentiert durch verschiedene Berichte wie die Jahre 1906 und 1907, die Zeit also zu der Fidus ihm einen kurzen Besuch abstattete.
Zu verdanken ist dies nicht zuletzt auch der “Affäre Wölfling” und der grossen Beachtung, die sie in der Presse gefunden hat: Sie hat dem Monte Verità zu einiger Bekanntheit verholfen, ihn aber auch in Verruf gebracht und damit die vegetarische Bewegung.
Im Januar 1907 berichtet etwa die Vegetarische Gesellschaft aus Zürich in der Vegetarischen Warte, dass sie mit Befriedigung auf die ersten zehn Monate ihres Bestehens zurückblicken könne. [1] Sie bemerkt aber auch:
Die durch den groβen Zeitungsklatsch überall bekannt gewordene Wölfling-Sache warf natürlich hier in Zürich, dem Ausgangspunkte der Gerüchte, besonders starke Wellen, und wir muβten mit Bedauern bemerken: sehr zum Schaden des guten Ansehens der vegetarischen Lebensweise. Zum Glück erschien in einer hiesigen, unsere Bestrebungen unterstützenden Tageszeitung der Aufsatz eines auf Monte Verita lebenden Schriftstellers, welcher in geschickter Weise den wahren Sachverhalt auseinandersetzte, auf den Unterschied zwischen dem gemäβigten Vegetarismus und seinen Ausartungen hinwies und damit wenigstens die vielen unrichtigen Ansichten über die Lebensart der Vegetarier berichtigte. [2]
Gekocht, nicht gebacken
Dem Bericht von Alfred Holzbock über den Monte Verità sei, wie Robert Landmann berichtet, eine Pressekampgane vorausgegangen. Dies nachdem in der deutschen Zeitschrift Die Woche ein Aufsatz erschienen sei, “der eine ganze Menge von dem dummen Gerede, das über die unsittlichen Höhlenbewohner im Umlauf war, zusammenfasste.” [1] Henri Oedenkoven habe eine Klage gegen den Herausgeber der Zeitschrift angestrengt, worauf der Verlag einen Sonderberichterstatter nach Ascona entsandt habe, um sich an Ort und Stelle ein Bild zu machen.

Die Woche, 1907 (v.l.n.r. Ida Hofmann, Henri Oedenkoven, ev. Theodor Stern).
Der bebilderte Artikel Eine Kolonie Naturmenschen in Die Woche, der als einziger Beitrag der Ausgabe anonym, nicht einmal mit Initialen gezeichnet erschien ist, mag Oedenkoven verärgert haben, gibt aber einen Eindruck, wie Aussenstehende, und das auch im buchstäblichen Sinn des Wortes, Ascona und den Monte Verità wahrgenommen haben.
Über den Monte Verità wird berichtet:
Gleich rechts, beim Eingang zum Dorf, führt eine Straβe zu dem ungefähr 150 Meter über dem See liegenden Monte Verità. Dies ist der Zentralpunkt einer Niederlassung von Menschen, die durch ihr inneres und äuβeres Leben zeigen wollen, wie wir zur Natur zurückkehren müssen. Ein primitiver Bretterzaun umgibt den Hügel und soll diese kleine Welt abschlieβen von der gewöhnlichen armseligen Menschheit. Aber seine groβen Lücken und die oftmals vom Sturm umgerissenen Teile des Zaunes gestatten uns einen freien Einblick, und wir ersparen uns die von jedem Besucher geforderten zwei Frank Eintrittsgeld. – Da eilen sie den Weg entlang, die Männer mit langen, fliegenden Haaren, ein Stirnband umgelegt, mit phantastischen Gewändern, ähnlich wie die Hirten am Jordan; Frauen in hemdartigen Kleidern; alle ohne Strumpf und Schuh. Dort ist eine Abteilung, die sich mit Gartenarbeit beschäftigt, Frauen und Männer völlig nackt, wie es die Natur zur wahren Lebenskunst fordert. Kleine schwarzbraune Holzhütten sind die Wohnstätten dieser “neuen Menschen”, wie sie sich nennen. Obst und Brot ist die Nahrung, letzteres wird nach eigener Erfindung des Gründers dieser Kolonie aus grobem Schrot gekocht, nicht gebacken. Für ganz besondere Wünsche kocht die Genossin des Gründers dieser Kolonie auch ein Gemüse, doch ohne Salz und sonstige Zutat, da dies streng verpönt ist, wie überhaupt jedes tierische Produkt ausgeschlossen ist. [2]
Weiter ist zu lesen:
Wie in einem Taubenschlag geht es auf dem Monte Verità ein und aus; seltsame Wunderkuren werden da vollbracht ohne alle Kenntnisse; Sonnenschein und nasser Lehm sind Allheilmittel, dazu Aepfel und Nüsse, und wer nun nicht gesund wird, der ist eben noch nicht reif für die “neuen Menschen”! [3]
Und ist zu erfahren:
Viele treiben Politik oder Kunst, aber noch mehr leben im dolce far niente. Auch Geheimwissenschaften sollen einige betreiben nach den Feststellungen der “neuen Menschen”, und die “schwarze Magie” ist kein selten gehörtes Wort. Seifeneinreibungen, von einer Frau erfunden, sollen von allen Krankheiten heilen. [4]
Schliesslich wird gefolgert:
“Welch Schauspiel! Aber ach ein Schauspiel nur!” möchte man mit Goethe ausrufen, wenn man in der Welt des Kampfes, der Not und groβen sozialen Arbeit diese kleine Bühne sieht mit Menschen, die alle Versuche machen, sich vom Allgemeinleben loszulösen. Eine Zeitlang halten sie es aus, wenn sie nicht durch die Unterernährung und extreme Lebensweise frühzeitig geistig zusammenbrechen, wie es bei einigen der Fall gewesen ist. Bei manchen bricht doch der alte Lebensmut wieder durch, und wer nicht ganz ein Leben des Heuchlers führt, greift bald zu redlicher Arbeit oder zum Wanderstab, um in jene Welt zurückzukehren, die er erst glaubte fliehen zu müssen. [5]
Kleiner Exkurs zur Banane, 3. und letzter Teil
Möglicherweise standen Bananen schon vor 1907, als Fidus zusammen mit Maria Lucke und Heta von Hackewitz den Monte Verità besuchte, auf der Speisekarte. Erich Mühsam, der 1904 zur Kur dort war, schreibt in seinen Unpolitischen Erinnerungen, die als Feuilleton-Serie erstmalig von 1927 bis 1929 erschienen sind:
So wurde ich zu den Rohköstlern gesteckt und mir eine “Lufthütte” als Behausung zugewiesen. Von früh bis spät kaute ich nun Äpfel, Pflaumen, Bananen, Feigen, Wal-, Erd- und Kokosnüsse – es war schauderhaft, und ich fühlte meine Kräfte schwinden. [1]
Wegen des rohen Obstes und ungekochten Gemüses, das es dort gab, nennt Mühsam das Sanatorium denn auch “Salatorium”. Was die Banane betrifft, kann er sich allerdings getäuscht haben. Er selbst gesteht:
Die Jahre von 1904 bis 1909 kann ich insofern meine Wanderjahre nennen, als es mir völlig unmöglich ist, ihre Erlebnisse und Begegnungen, selbst nur in der Reihenfolge der Reisen und des Wechsels der Wohnorte, chronologisch aufzuzeichnen. Erinnere ich mich dieses oder jenes Vorganges, der sich nur zu einer ganz bestimmten Zeit etwa in München zugetragen haben kann, so muß ich plötzlich feststellen, daß ich doch damals gerade in Wien oder in Zürich oder Ascona war, und ich sehe schon, daß ich endgültig darauf verzichten muß, Widersprüche zu vermeiden oder aufzuklären, die mir am Ende ein strenger Kontrolleur an Hand von Ansichtskarten oder Pumpbriefen im Hinblick auf meinen jeweiligen Verbleib möchte nachweisen wollen. [2]
Wie er schreibt, verbrachte er zwischen 1904 und 1909 jedes Jahr ein paar Monate in Ascona (siehe auch Einer der tapfersten Revolutionäre).
Dem im erwähnten Beitrag von Jules Chancel, der 1907 in L’Illustration erschienen ist, abgebildeten Menü ist zu entnehmen, dass 50 Grammm getrocknete Bananen 10 Centimes, 100 Gramm frische Bananen 20 Centimes, gleich viel wie Pfirsiche, gekostet haben. [3] Überraschenderweise nicht auf der Karte zu finden sind Äpfel.
- Unpolitische Erinnerungen: Wanderjahre bei Projekt Gutenberg-DE. [↩]
- Ebda. [↩]
- L’Illustration, Nr. 3361, 27 Juillet 1907, S. 59. [↩]


