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Gekocht, nicht gebacken
Dem Bericht von Alfred Holzbock über den Monte Verità sei, wie Robert Landmann berichtet, eine Pressekampgane vorausgegangen. Dies nachdem in der deutschen Zeitschrift Die Woche ein Aufsatz erschienen sei, “der eine ganze Menge von dem dummen Gerede, das über die unsittlichen Höhlenbewohner im Umlauf war, zusammenfasste.” [1] Henri Oedenkoven habe eine Klage gegen den Herausgeber der Zeitschrift angestrengt, worauf der Verlag einen Sonderberichterstatter nach Ascona entsandt habe, um sich an Ort und Stelle ein Bild zu machen.

Die Woche, 1907 (v.l.n.r. Ida Hofmann, Henri Oedenkoven, ev. Theodor Stern).
Der bebilderte Artikel Eine Kolonie Naturmenschen in Die Woche, der als einziger Beitrag der Ausgabe anonym, nicht einmal mit Initialen gezeichnet erschien ist, mag Oedenkoven verärgert haben, gibt aber einen Eindruck, wie Aussenstehende, und das auch im buchstäblichen Sinn des Wortes, Ascona und den Monte Verità wahrgenommen haben.
Über den Monte Verità wird berichtet:
Gleich rechts, beim Eingang zum Dorf, führt eine Straβe zu dem ungefähr 150 Meter über dem See liegenden Monte Verità. Dies ist der Zentralpunkt einer Niederlassung von Menschen, die durch ihr inneres und äuβeres Leben zeigen wollen, wie wir zur Natur zurückkehren müssen. Ein primitiver Bretterzaun umgibt den Hügel und soll diese kleine Welt abschlieβen von der gewöhnlichen armseligen Menschheit. Aber seine groβen Lücken und die oftmals vom Sturm umgerissenen Teile des Zaunes gestatten uns einen freien Einblick, und wir ersparen uns die von jedem Besucher geforderten zwei Frank Eintrittsgeld. – Da eilen sie den Weg entlang, die Männer mit langen, fliegenden Haaren, ein Stirnband umgelegt, mit phantastischen Gewändern, ähnlich wie die Hirten am Jordan; Frauen in hemdartigen Kleidern; alle ohne Strumpf und Schuh. Dort ist eine Abteilung, die sich mit Gartenarbeit beschäftigt, Frauen und Männer völlig nackt, wie es die Natur zur wahren Lebenskunst fordert. Kleine schwarzbraune Holzhütten sind die Wohnstätten dieser “neuen Menschen”, wie sie sich nennen. Obst und Brot ist die Nahrung, letzteres wird nach eigener Erfindung des Gründers dieser Kolonie aus grobem Schrot gekocht, nicht gebacken. Für ganz besondere Wünsche kocht die Genossin des Gründers dieser Kolonie auch ein Gemüse, doch ohne Salz und sonstige Zutat, da dies streng verpönt ist, wie überhaupt jedes tierische Produkt ausgeschlossen ist. [2]
Weiter ist zu lesen:
Wie in einem Taubenschlag geht es auf dem Monte Verità ein und aus; seltsame Wunderkuren werden da vollbracht ohne alle Kenntnisse; Sonnenschein und nasser Lehm sind Allheilmittel, dazu Aepfel und Nüsse, und wer nun nicht gesund wird, der ist eben noch nicht reif für die “neuen Menschen”! [3]
Und ist zu erfahren:
Viele treiben Politik oder Kunst, aber noch mehr leben im dolce far niente. Auch Geheimwissenschaften sollen einige betreiben nach den Feststellungen der “neuen Menschen”, und die “schwarze Magie” ist kein selten gehörtes Wort. Seifeneinreibungen, von einer Frau erfunden, sollen von allen Krankheiten heilen. [4]
Schliesslich wird gefolgert:
“Welch Schauspiel! Aber ach ein Schauspiel nur!” möchte man mit Goethe ausrufen, wenn man in der Welt des Kampfes, der Not und groβen sozialen Arbeit diese kleine Bühne sieht mit Menschen, die alle Versuche machen, sich vom Allgemeinleben loszulösen. Eine Zeitlang halten sie es aus, wenn sie nicht durch die Unterernährung und extreme Lebensweise frühzeitig geistig zusammenbrechen, wie es bei einigen der Fall gewesen ist. Bei manchen bricht doch der alte Lebensmut wieder durch, und wer nicht ganz ein Leben des Heuchlers führt, greift bald zu redlicher Arbeit oder zum Wanderstab, um in jene Welt zurückzukehren, die er erst glaubte fliehen zu müssen. [5]
Kleiner Exkurs zur Banane, 3. und letzter Teil
Möglicherweise standen Bananen schon vor 1907, als Fidus zusammen mit Maria Lucke und Heta von Hackewitz den Monte Verità besuchte, auf der Speisekarte. Erich Mühsam, der 1904 zur Kur dort war, schreibt in seinen Unpolitischen Erinnerungen, die als Feuilleton-Serie erstmalig von 1927 bis 1929 erschienen sind:
So wurde ich zu den Rohköstlern gesteckt und mir eine “Lufthütte” als Behausung zugewiesen. Von früh bis spät kaute ich nun Äpfel, Pflaumen, Bananen, Feigen, Wal-, Erd- und Kokosnüsse – es war schauderhaft, und ich fühlte meine Kräfte schwinden. [1]
Wegen des rohen Obstes und ungekochten Gemüses, das es dort gab, nennt Mühsam das Sanatorium denn auch “Salatorium”. Was die Banane betrifft, kann er sich allerdings getäuscht haben. Er selbst gesteht:
Die Jahre von 1904 bis 1909 kann ich insofern meine Wanderjahre nennen, als es mir völlig unmöglich ist, ihre Erlebnisse und Begegnungen, selbst nur in der Reihenfolge der Reisen und des Wechsels der Wohnorte, chronologisch aufzuzeichnen. Erinnere ich mich dieses oder jenes Vorganges, der sich nur zu einer ganz bestimmten Zeit etwa in München zugetragen haben kann, so muß ich plötzlich feststellen, daß ich doch damals gerade in Wien oder in Zürich oder Ascona war, und ich sehe schon, daß ich endgültig darauf verzichten muß, Widersprüche zu vermeiden oder aufzuklären, die mir am Ende ein strenger Kontrolleur an Hand von Ansichtskarten oder Pumpbriefen im Hinblick auf meinen jeweiligen Verbleib möchte nachweisen wollen. [2]
Wie er schreibt, verbrachte er zwischen 1904 und 1909 jedes Jahr ein paar Monate in Ascona (siehe auch Einer der tapfersten Revolutionäre).
Dem im erwähnten Beitrag von Jules Chancel, der 1907 in L’Illustration erschienen ist, abgebildeten Menü ist zu entnehmen, dass 50 Grammm getrocknete Bananen 10 Centimes, 100 Gramm frische Bananen 20 Centimes, gleich viel wie Pfirsiche, gekostet haben. [3] Überraschenderweise nicht auf der Karte zu finden sind Äpfel.
- Unpolitische Erinnerungen: Wanderjahre bei Projekt Gutenberg-DE. [↩]
- Ebda. [↩]
- L’Illustration, Nr. 3361, 27 Juillet 1907, S. 59. [↩]
Kleiner Exkurs zur Banane, 2. Teil

Französische Ansichtskarte, Anfang 20. Jh.
Auch das Original-Rezept des bekannten Bircher-Müesli kommt ohne Banane aus: Für eine Person wird ein gestrichener Esslöffel Haferflocken mit drei Esslöffel Wasser 12 Stunden vorgeweicht, dann werden der Saft einer halben Zitrone, ein Esslöffel kondensierte, gezuckerte Milch in einer Schüssel gut miteinander verrührt und schliesslich zwei gereinigte Äpfel mit Haut, Gehäuse mit Kernen auf der Apfelraffel hineingerieben unter wiederholtem Umrühren, damit sich das Apfelfleisch nicht bräunt. [1]
Verwendung findet die Banane dagegen im Mazdaznan-Kochbuch, das in zahlreichen Auflagen erschienen ist. Es enthält Rezepte für Bananenbratlinge, Bananen-Crême, Bananenpudding und auch Bananenkaffee. [2] Allerdings wird in der dazugehörigen Diätetik gewarnt:
Die Banane ist sehr nahrhaft, wenn reif gepflückt, aber mit dem Gebrauch der Banane, die auf hiesigen Märkten angeboten werden, sei man vorsichtig. Diese werden wegen des Transportes ganz grün und unreif gepflückt und nachher in feuchten Kellern gelagert, bis sie gelb werden. Solche Bananen entbehren nicht nur des feinen Aromas, sondern sie nehmen auch die schädlichen Gerüche der Keller in sich auf. Auβerdem ist ihr Stärkemehl schwer löslich. Diese Umstände machen sie schwer verdaulich und verursachen leicht Gärung, besonders wenn bei dem künstlichen Ausreifen im Keller eine Zersetzung stattfindet. Solche Bananen sollten immer gebacken werden und zwar in ihren eigenen Schalen in einer Pfanne mit ein wenig Öl ungefähr zehn Minuten lang auf beiden Seiten. In dieser Form sind sie eine leicht verdauliche Delikatesse. [3]


