Archive for the ‘Friedrichshagen’ Category
Der Mensch liebt im Menschen nur den Gott
Den Titel Lichtgebet habe er aus dem Gedicht Mein Stern des befreundeten Dichters Franz Evers “entwendet”, verrät Fidus. [1] Auch den Titel Sonnenwanderer hat er möglicherweise einem literarischen Werk entlehnt, das zudem in demselben Umfeld, dem “Friedrichshagener Dichterkreis”, entstanden ist: Carl Hauptmann erste Prosaarbeit Sonnenwanderer erschien erstmals 1891 in der Literaturzeitschrift Freie Bühne für modernes Leben und war fünf Jahre später der Titel seines ersten Prosabands, der die Novelle sowie acht weitere Texte enthält. [2]
In der kurzen Erzählung einer jungen Frau, die aus der Stadt in die Freiheit der Berge flieht, wo sie zusammen mit einem Verehrer, der ihr nachgereist war, einige glückliche Tage verbringt, hat Hauptmann seine Begegnung mit Josepha Krzyzanowska verarbeitet. [3] Hauptmann hatte die polnische Studentin im Sommer 1889 bei einem Abendseminar im Hause des Philosophen Richard Avenarius in Zürich kennengelernt. Nachdem sie fluchtartig Zürich verlassen hatte, folgte Hauptmann ihr nach Andermatt.
Hauptmann und Fidus verbindet somit ein ähnliches “Schicksal” bei der Entstehung ihrer Werke: Hauptmann war seit fünf Jahren verheiratet, als er Josepha Krzyzanowska kennenlernte, Fidus war es seit drei Jahren, als sich in Amden die Bekanntschaft mit Maria Lucke zu einer Liebschaft entwickelte.
Mit der Szenerie der Sonnenwanderer, Bergen, einem tosenden Bach und dem See, könnte Hauptmann genauso gut wie die Innerschweiz den Walensee und seine Landschaft geschildert haben. Die Sonnenwanderer von Fidus wiederum könnten eine Illustration zur Erzählung sein, wie sich Teile der Erzählung als Bildbeschreibung oder -auslegung lesen lassen.
So schreibt Hauptmann etwa:
Sie schritten langsam – die Augen weit geöffnet – und helles Rot in ihren Gesichtern. -
Wolken zogen am Himmel hin und legten Schatten ins Thal und auf ihren Weg.
Dann wieder schien die Sonne in klarem Lichte. -
Was sie umgab und was sie dachten, floβ uferlos in einander und gleichsam aufgehoben schweiften sie darin. -
Sie schritten aufwärts. -
Die Wolken senkten sich und zogen müde und gelöst um die Berge und hingen in den Kronen der Nadelbäume. Drunten im Thal schienen die Wasser noch lauter zu toben. -
Aber sie hafteten nirgends. -
Sie sprachen nicht. -
Es war ihnen frei. -
Es kam über sie wie ein uversagbarer Hang – und sie legte ihre Hand in die seine, und leise errötend gingen sie rascher vorwärts in die Höhen – in die Fernen. -
Oder:
Und sie fühlten beide, wie Groβes sie ersehnten. -
Und sie schritten emsiger, zwei Wanderer in’s unbekannte Land, in’s Unbekannte, Ferne. -
Und wie sie so strebten, schüchtern und sieghaft, sprach sie:
“Der Mensch liebt im Menschen nur den Gott.” -
Die Sonne hob die Schatten vom Thal und ergoβ von neuem ihr Licht in alle Schluchten. -
Und sie wanderten unaufhörlich. -
Sich eins fühlend und ganz erleuchtet im andern ohne Worte, kosten sie sich durch räumliche Fernen mit ihren Gedanken – und wollten nicht müde werden. -
Sie dehnten die Stunde des Wahnes, “Unmögliches zu begehren”. -
Die heiligste Stunde. -
- Fidus: Mein Lichtgebet und seine Geschichte. [↩]
- Online: Sonnenwanderer. [↩]
- Erberhard Berger: Erkundungen zu Carl Hauptmanns Sonnenwanderer. In: Orbis Linguarum, Vol. 15, 2000, S. Online: Erkundungen zu Carl Hauptmanns Sonnenwanderer. [↩]
Wie ein nach eigenem Entwurf gearbeiteter Faun
Erich Mühsam hatte Fidus im Jahr 1902 in Friedrichshagen kennengelernt. [1] Dort arbeitete Mühsam, der damals 24 Jahre alt war, als Nolo an der neugegründeten Zeitschrift Der arme Teufel mit. Fidus steuerte zu der Publikation Illustrationen bei, so etwa auch einen “Tempel der Tat”. [2]
In seiner Biographie Unpolitische Erinnerungen, die 1949, 15 Jahre nach seiner Ermordung im Konzentrationslager Oranienburg, erschienen ist, erzählt Mühsam:
Gleichzeitig mit mir war Fidus nach Friedrichshagen gezogen. Er hatte ein Haus gemietet, in dem es “umgehen” sollte. Fidus glaubte fest an okkulte Vorgänge, und sein Eifer, einen Spuk selbst zu erleben, hatte ihn veranlaßt, gerade dieses Haus zu beziehen. Er wurde auch nicht enttäuscht, denn er konnte uns bald erfreut berichten, daß das Gespenst regelmäßig erscheine, und zwar in Gestalt eines Lichtscheines, der sich trotz völliger Verdunkelung des Schlafzimmers Nacht für Nacht an den Wänden entlang bewegte. Eine Halluzination könne nicht vorliegen, da auch Frau Fidus die Erscheinung bestätigte und sogar der Säugling stets mit großen Augen dem tanzenden Lichtfleck zusehe. Später kündigte Fidus aber die Spukwohnung; er begründete den Verzicht damit, daß dem Gespenst gar nichts Neues einfalle, es käme immer bloß wieder mit dem abgedroschenen, närrischen Licht. Damals begann Fidus mit seinen eigenartigen Entwürfen zu seiner symbolistischen Tempelarchitektur. Ich gestehe, daß ich von den Erklärungen, die er mir von all den kreisenden Sonnen und Gestirnen zu geben versuchte, die in seinen Zeichnungen jetzt die halbreifen Mädchenakte ablösten, wenig begriffen habe. Viel amüsanter als in seinem Atelier war Fidus im geselligen Verkehr; doch war das Merkwürdigste an ihm die Sprungbaftigkeit, mit der er dort wie hier die Feierlichkeit mystischer Versunkenheit mit einem krassen Witz und die ausgelassenste Heiterkeit mit einer todernsten, wie aus dem Jenseitigen geholten Betrachtung durchbrechen konnte. Ein ähnliches Temperament, das sich freilich sowohl im persönlichen Verhalten als auch in der künstlerischen Auslösung völlig anders gab, habe ich später bei Gustav Meyrink wieder angetroffen.
Und Fidus! Er sah aus wie ein nach eigenem Entwurf gearbeiteter Faun. Ging es feierlich zu, dann war er der Feierlichste, ganz ergriffen, ganz hingegeben. Im Moment aber, wo die Feierlichkeit vorbei war, riß er Kalauer, die einen Hund zum Heulen gebracht hätten. Dies hinderte ihn nicht, meine Witze unter Schmerzenslauten und mit der Behauptung zu verfluchen: “Mühsam liegt schon seit zwei Stunden auf der Kalauer!” [3]
- Chris Hirte: Erich Mühsam. Biografie. Verlag Neues Leben, Berlin 1985. S. 110 ff. [↩]
- Zu Mühsam und Fidus auch: Janos Frecot, Johann Friedrich Geist, Diethart Kerbs, Fidus, 1997, S. 99-101. [↩]
- Zitiert nach Fidus, 1997, S. 99-101. Siehe auch im Projekt Gutenberg-DE: Unpolitische Erinnerungen, Friedrichshagen, wo der zwei Abschnitt fehlt. [↩]


