Fidus-Projekt

Kunst und Lebensreform

Archive for the ‘Ikonographie’ Category

L’Europe des esprits I

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Aufgehen im All.

 
Lichtgebet

Lichtgebet.

So nah waren sie sich wahrscheinlich noch nie: Fidus und Ferdinand Hodler. Obwohl ihre Verwandtschaft doch so naheliegend zu sein scheint (vgl. Reminiszenz an Hodler).

In der Ausstellung L’Europe des esprits ou la fascination de l’occulte, 1750-1950 im Musée d’Art moderne et contemporain de la Ville de Strasbourg hing die Berliner Fassung der Fidus-Ikone Lichtgebet im gleichen Raum wie Hodlers Aufgehen im All und Frau in Ekstase. [1] Neben Bildern von Vladimir Baranoff-Rossiné, Jean Delville, Nicolas Roerich und Pawel Kuznetsow. Und im Katalogbuch werden Hodlers Aufgehen im All und das Lichtgebet von Fidus jeweils ganzseitig reproduziert einander gegenübergestellt.


Blick in die Unendlichkeit.

Blick in die Unendlichkeit.

 

Aquarell-Malerei, 1904.

Doch der Bezug zwischen Fidus und Hodler und erst recht den übrigen Malern blieb in der Ausstellung unverbindlich, wenn nicht gar verwirrend. Als sollte selbst im konkreten Fall das Leitmotiv der Ausstellung, die Erkundung und Darstellung der Unfassbarkeit von Phänomenen, durchgespielt werden.

Der Zusammenhang zwischen den Motiven und ihrer künstlerischen Umsetzung war vor allem assoziativ. Gesten der Hingabe und der Ekstase, der meditativen Versenkung und des Aufgehens im All. Aufstieg und Transformation. Mensch und unberührte Natur. Der Berg als Hindernis und heiliger Bezirk. Als Ort, wo sich Himmel und Erde berühren, der den Blick in die Unendlichkeit erlaubt. Der gewölbte Horizont, einmal höher, einmal tiefer, als Trennlinie zwischen verschiedenen Sphären.

Als Arbeitshypothese können Aufgehen im All und das Lichtgebet einander durchaus miteinander verglichen werden. Doch zum Lichtgebet hätte besser Hodlers Blick ins Unendliche gepasst. Zum Aufgehen im All besser die Fidus-Zeichnung Aquarellmalerei. Zur Frau in Ekstase besser das (verschollene) Fidus-Gemälde Traum. Und dieses wiederum hätte auch zum Blick in die Unendlichkeit gepasst. Doch auch dann noch ist die formale und vielleicht innere Verwandtschaft der Bilder nicht einfach zu belegen und zu deuten. Handelt es sich um bewusste oder unbewusste Zitate? Um den Zeitgeist? Oder haben nur Zufälle zu den erstaunlichen Parallelen geführt?

  1. Die Ausstellung dauerte bis zum 12. Februar 2012. Vom 31. März bis zum 15. Juli 2012 wird sie im Zentrum Paul Klee in Bern zu sehen sein. []

Written by Edi Goetschel

Februar 24th, 2012 at 1:03 am

Der Wille zum Werden

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In der Sphinx war Lucifer nicht nur mit der Illustration von Fidus und dem Gedicht von Friedrich Jordan ein Thema (vgl. Die Arme in bitt’rer Ruh’ verschränkt).

Anlass zu einer spekulativ-philosophischen Auseinandersetzung mit der Symbolfigur bot eine Zuschrift an die Redaktion, die im April 1893 veröffentlichten wurde. [1] In dieser wird spekuliert:

Der Gedanke, das Ideal ist göttlich, der Wille als Vollstrecker luciferisch. Das Loslösen des Willens vom Gedanken ist der Abfall Lucifers von Gott: die materielle Schöpfung. Die Rückkehr Lucifers zu Gott ist das Einswerden des Ideals mit dem Willen: das Nichtwollen des Willens als solchen, sondern das Sich-Unterordnen unter die Idee, das Ideal. [sic!]

Daraus werden im Beitrag die Gleichungen abgeleitet:

Lucifer = Materie = Wille
Gott = Geist = Ideal

In seiner Antwort stellt Franz Evers, der seit 1892 Mitarbeiter der Sphinx war, dieser Auffassung den Dualismus von Lust, ein zentraler Begriff sowohl für Wilhelm Hübbe-Schleiden als auch Fidus, und Leid entgegen. Für ihn, entgegnet Evers, sei nicht das Ideal das Götlliche sondern die Idee. Das Ideal trete nämlich erst dann in Erscheinung, wenn sich die Idee ihrer selbst bewusst werde, sich objektiviere und selbst als Ziel setze. Dazu wiederum bedürfe es des Willens, weshalb Idee und Wille für ihn eins seien. Und er erklärt:

Die Idee kann nur sein, wenn der Wille zu Idee da war, und demnach würden wir wohl doch im Willen des Ewigen, des Seins oder Gottes den Urgrund der Idee, den Urgrund des Daseins finden. Der Wille Gottes setzte sich selbst als Idee, d. h. Gott wurde sich “bewusst”, oder in Bezug auf den obigen Satz, dass Idee und Wille eins sind, angewandt: Idee und Willen trennten sich.

Auf die selbst gestellte Frage, warum sie sich in der Gottheit trennten, gibt Evers die Antwort:

Um sich “bewusst” zu werden. Und die Gottheit wollte sich “bewusst” werden aus der Ueberfülle ihres Seins, aus Lust, aus Lust an sich selbst. Der Wille des Seins, also Gottes Wille war die Kraft dazu: der Wille ist die Kraft.

Anders dagegen verhalte es sich mit dem luciferischen Willen. Über diesen führt er aus:

Der luciferische Wille aber ist nicht der Wille zu sich selbst, zum Sein, sondern der Wille zum Gott gleich werden, der Wille zum Werden. Hier liegt der Unterschied: Der Wille Gottes und der Wille Lucifers; und in beiden liegt ihre Idee: Die Liebe Gottes aus Ueberfülle, aus Lust – und das Leid Lucifers an sich selbst, der Drang nach Lust, der Drang nach Gott. Lucifer wird zur Gottheit, d. h. beide werden eins, wenn der Drang nach der Gottheit erfüllt wird, wenn mit dem Leiden an sich selbst die eigene Lust wächst, die Lust aus Ueberfülle: die Liebe.

  1. P. F., “Idee und Wille – Gott und Lucifer”, Sphinx, Bd. 16, April 1893, Nr. 86, S. 171f. []

Written by Edi Goetschel

April 14th, 2011 at 4:18 pm

Der rebellische Engel

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In dem von Helena Petrovna Blavatsky und Mabel Collins weggelassenen Teil des Eintrags heisst es, dass Lucifer in früheren Zeiten ein christlicher Name gewesen sei und als solcher sogar derjenige eines Papstes. Und es wird erklärt:

It only acquired its present association from the apostrophe of the ruined King of Babylon in Isaiah as a fallen star: “How art thou fallen from heaven, O Lucifer, son of morning!” Thence as this destruction was assuredly a type of the fall of Satan, Milton took Lucifer as the title of his demon of pride, and thence “as proud as Lucifer” has become a very proverb, and this name of the pure pale herald of the day-light has become hateful for Christian ears. [1]

Auch der erste Beitrag der ersten Ausgabe der Zeitschrift, der sich ausführlich mit den Bedenken auseinandersetzt, die gegen den Titel Lucifer vorgebracht werden können, wird auf John Milton und dessen Dichtung Paradiese Lost verwiesen. [2] Dort sei Lucifer als der rebellischen Engel zwar der Feind Gottes und der Menschen, bei genauerer Betrachtung aber sei seine Rebellion Einforderung des freien Willens und des unabhängigen Denkens, als sei Lucifer ein Mensch, der im 19. Jahrhundert geboren worden sei. Die Wahl des Titels sei deshalb durchaus gerechtfertigt: “By choosing it, we threw the first ray of light and truth on a ridicolous prejudice which ought to have no room made for it in this our ‘age of facts and discovery’. We work for true Religion and Science, in the interest of fact against fiction and prejudice.” [3]

  1. “Er erlangte seine gegenwärtige Verbindung durch die Bezeichnung des gestürzten Königs von Babylon als gefallenen Stern: ‘Wie bist du vom Himmel gefallen, oh, Lucifer, Sohn des Morgens!’ Deshalb, nachdem diese Umdeutung zum festen Urbild des Falls Satans geworden war, verwendete Milton Lucifer als Bezeichnung seines Dämons der Stolzes, woraus sich die Redensart ‘stolz wie Lucifer’ ergab, und der Name des reinen fahlen Botens des Tageslichts für christliche Ohren begann verabscheuungswürdig zu tönen.” In der Übertragung von Luther lautet der Satz aus Isaiah übrigens: “‘Wie bist du vom Himmel gefallen, du schöner Morgenstern!’” []
  2. What’s in a name? Why the magazine is called “Lucifer”, in: Lucifer, Vol. 1, 15. September 1887, Nr. 1, S. 1-7. Online: Lucifer. []
  3. “Durch seine Wahl werfen wir den ersten Strahl Licht und Wahrheit auf ein lächerliches Vorurteil, das keinen Platz haben sollte in unserem ‘Zeitalter der Fakten und Entdeckungen’. Wir setzen uns für die wahre Religion und Wissenschaft ein im Interesse der Tatsachen gegen die Fiktion und das Vorurteil.” []

Written by Edi Goetschel

März 8th, 2011 at 12:02 am