Fidus-Projekt

Kunst und Lebensreform

Archive for the ‘Tempelkunst’ Category

L’Europe des esprits II

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Im Katalog wird die Beziehung zwischen den gezeigten Bildern von Ferdinand Hodler und Fidus eher ver- als erklärt. Sie behandelt ausgerechnet oder auch eher zufälligerweise das Kapitel über den Tanz von Joëlle Pijaudier-Cabot, Direktorin der Strassburger Museen, das mit dem Laban-Zitat “In jedem Menschen lebt ein Tänzer” überschrieben ist (übersetzt mit einer etwas anderen Nuance: “En tout homme vit un danseur”).

Was Hodler betrifft bleibt es beim knappen Hinweis auf die Freundschaft mit Emile Jaques-Dalcroze, der ihn zu seinen “figures dansants” inspiriert habe. Daran ist nichts Falsches. Doch im Zusammenhang mit den gezeigten Bildern, die eben gerade keine im herkömmlichen Sinn tanzenden, sondern statische Figuren zeigen, sehr verkürzt. Doch auch abgesehen davon bleibt offen, inwiefern Hodlers Darstellungen des körperlichen Ausdrucks von Empfindungen mit Geistern oder dem Okkulten zu tun haben.

Von Jaques-Dalcroze wird der Bogen über die Künstlergruppe “Die Brücke”, Rudolf Steiner und die Eurythmie zu Rudolf von Laban, Mary Wigman, Sophie Taeuber-Arp, dem Monte Verità und dem Sonnenfest dort im Sommer 1917 gespannt (zum Sonnenfest vgl. Otto Borngräber). Um am Schluss des Beitrags noch Fidus ins Spiel zu bringen:

Le peintre Fidus résida aussi à Monte Verità. Adepte des mouvements de “réforme de la vie”, il y célèbre des jeunes corps exposés à la lumière solaire. Il avait peint, autour de 1910, la suite du Temple de la Danse, ode à un art auquel tous les artistes ici évoqués ont attribué le pouvoir de changer la vie.

Daran stimmt einiges nicht und zeigt die oberflächliche Beschäftigung mit dem Thema. Darauf, dass Fidus wahrscheinlich nur wenige Tage auf dem Monte Verità war und sich während seinem Aufenthalt nicht künstlerisch betätigt hat, wurde wiederholt hingewiesen (vgl. beispielsweise Kein bleibender Eindruck). Und sein Sonnengebet auf die Verherrlichung des jungen Körpers, der dem Sonnenlicht ausgesetzt ist, zu reduzieren, wird der Vielschichtigkeit oder Vieldeutigkeit des einfachen Motivs kaum gerecht. Schliesslich ist der Titel der vierteiligen Serie von Tanzfiguren weder Temple de la Danse noch Danse du Temple de l’Esprit, wie er als Bildlegende zweideutig übersetzt ist, sondern Tempeltanz der Seele. Und: Auch hier bleibt offen, was dieser und das Lichtgebet mit Geistern oder dem Okkulten zu tun haben.

Written by Edi Goetschel

Februar 27th, 2012 at 9:24 pm

Aus sicherer zeitlicher und räumlicher Distanz

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Der zitierte Brief von Henri Odenkoven erwähnt zwar das Atelier, aber eben gerade nicht einen oder verschiedene Tempel (vgl. Sehr gerne hätten wir hier das atelier bauen sehen).

1907 erhielt Fidus die Möglichkeit, ein Wohn- und Atelierhaus in Woltersdorf bei Berlin zu bauen. Kurz nach dem Besuch auf dem Monte Verità fuhr er dorthin, um dessen Bau zu beaufsichtigen. Dieser war von Arno Rentsch bereits in die Wege geleitet und begonnen worden. Für Oedenkoven dürfte damit von Anfang klar gewesen sein, dass Fidus nach dem zweiten Schweizer Aufenthalt 1906/07 sich in Deutschland niederlassen würde. Das freundliche “Angebot” eineinhalb Jahre nach dem Besuch auf dem Monte Verità für etwas, das nicht mehr zur Diskussion stand, geschieht also aus sicherer zeitlicher und räumlicher Distanz.

Vermutet werden kann etwa, dass Fidus 1908 eine Exemplar seiner damals erschienene Mappe Lebenszeichen Oedenkoven geschickt hatte, wofür dieser sich zum Jahresende höflich bedankte. Jedenfalls kann der Eingangssatz so ausgelegt werden: “Ausserordentlich erfreut[e] mich ihre errinnerung.” Nicht, dass es Oedenkoven freut, sich an Fidus zu erinnern, sondern dass Fidus an Oedenkoven gedacht und ihm buchstäblich ein Lebenszeichen gesandt habe. Was die Mappe selbst betrifft, bleibt Oedenkoven merkwürdig unverbindlich: “Auch ihre lebenszeichen erklären einiges; sprechend sind sie, wie sie es wünschen.” Aber offensichtlich liessen sie Oedenkovens Fragen unbeantwortet.

Hätte ein Werkhaus, so wie es Fidus etwa in Amden geplant hatte, zu den damals anspruchslosen Bauten auf dem Monte Verità gepasst, stellt sich die Frage, ob sich die Monumentalität seiner Tempel mit dem Individualismus der Kolonie vertragen hätte. Mit ihrem anspruchsvollen inhaltlich-künstlerischen Konzept haben sie zudem etwas ebenso Artifizielles wie Sektiererisches, das kaum mit den Ideen einer Siedlung und vor allem eines Sanatoriums, das sich auf natürliche Heilweisen beruft, in Einklang zu bringen gewesen wäre.

Dass das Projekt Grappenhof in Amden 1906 als gescheitert betrachtet werden musste, dürfte zudem nicht unbedigt förderlich gewesen sein, bereits im Jahr darauf ein Grossprojekt auf dem Monte Verità in Angriff zu nehmen. Überhaupt: Was von Fidus hätte gebaut werden sollen? Ein einzelner Tempel? Der Tempel der Erde vielleicht, der umgeben von Wasser wohl besser im Lago Maggiore als auf einem Hügel gestanden hätte? Oder sogar verschiedene Gebäude wie in Amden?

Written by Edi Goetschel

Januar 1st, 2012 at 8:26 pm

Geistige, überhaupt gänzliche Gefangenschaft

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Es ist unklar, was Henri Oedenkoven im wiedergegebenen Brief mit geistiger Gefangenschaft gemeint haben könnte.

Fidus war zwar 1907 noch der Theosophie oder theosophischen Vorstellungen verpflichtet. Aber spätestens 1904 hat er sich von der “offiziellen” Theosophie losgesagt. [1] Umgekehrt sind gewisse Sympathien von Oedenkoven und vor allem Ida Hofmann gegenüber der Theosophie auszumachen. Und auch wenn Fidus sich theosophischem Gedankengut verbunden gefühlt haben sollte, würde die Be- oder Verurteilung als geistige Gefangenschaft erstaunen. Ob vielleicht eine politisch-ideologische Gefangenschaft gemeint ist?

Eher verständlich ist, was Oedenkoven als gänzliche Gefangenschaft bezeichnete. Zu ihr könnte vor allem die finanzielle Abhängigkeit gezählt werden, war Fidus damals doch auf Unterstützung und Förderung angewiesen. Auch die familiären Verpflichtungen gegenüber seiner Frau und den zwei Kindern (im Gegensatz dazu waren Odenkoven und Hofmann kinderlos) oder auch seine emotionale Abhängigkeit könnten (mit-)gemeint sein. Schliesslich auch eine künstlerisch-stilistische Gefangenschaft sowie die Verbohrtheit, ein (zu) ambitiöses (Lebens-)Werk zu verwirklichen. Wobei ein solches nicht im Widerspruch zu den Bestrebungen auf dem Monte Verità stehen musste, vielleicht abgesehen von den dafür erforderlichen Mitteln.

  1. Etwa in dem in Zürich verfassten Vortrag “Theosophie und Kunst”. []

Written by Edi Goetschel

Dezember 21st, 2011 at 1:16 pm