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Geistige, überhaupt gänzliche Gefangenschaft
Es ist unklar, was Henri Oedenkoven im wiedergegebenen Brief mit geistiger Gefangenschaft gemeint haben könnte.
Fidus war zwar 1907 noch der Theosophie oder theosophischen Vorstellungen verpflichtet. Aber spätestens 1904 hat er sich von der “offiziellen” Theosophie losgesagt. [1] Umgekehrt sind gewisse Sympathien von Oedenkoven und vor allem Ida Hofmann gegenüber der Theosophie auszumachen. Und auch wenn Fidus sich theosophischem Gedankengut verbunden gefühlt haben sollte, würde die Be- oder Verurteilung als geistige Gefangenschaft erstaunen. Ob vielleicht eine politisch-ideologische Gefangenschaft gemeint ist?
Eher verständlich ist, was Oedenkoven als gänzliche Gefangenschaft bezeichnete. Zu ihr könnte vor allem die finanzielle Abhängigkeit gezählt werden, war Fidus damals doch auf Unterstützung und Förderung angewiesen. Auch die familiären Verpflichtungen gegenüber seiner Frau und den zwei Kindern (im Gegensatz dazu waren Odenkoven und Hofmann kinderlos) oder auch seine emotionale Abhängigkeit könnten (mit-)gemeint sein. Schliesslich auch eine künstlerisch-stilistische Gefangenschaft sowie die Verbohrtheit, ein (zu) ambitiöses (Lebens-)Werk zu verwirklichen. Wobei ein solches nicht im Widerspruch zu den Bestrebungen auf dem Monte Verità stehen musste, vielleicht abgesehen von den dafür erforderlichen Mitteln.
- Etwa in dem in Zürich verfassten Vortrag “Theosophie und Kunst”. [↩]
Der Wille zum Werden
In der Sphinx war Lucifer nicht nur mit der Illustration von Fidus und dem Gedicht von Friedrich Jordan ein Thema (vgl. Die Arme in bitt’rer Ruh’ verschränkt).
Anlass zu einer spekulativ-philosophischen Auseinandersetzung mit der Symbolfigur bot eine Zuschrift an die Redaktion, die im April 1893 veröffentlichten wurde. [1] In dieser wird spekuliert:
Der Gedanke, das Ideal ist göttlich, der Wille als Vollstrecker luciferisch. Das Loslösen des Willens vom Gedanken ist der Abfall Lucifers von Gott: die materielle Schöpfung. Die Rückkehr Lucifers zu Gott ist das Einswerden des Ideals mit dem Willen: das Nichtwollen des Willens als solchen, sondern das Sich-Unterordnen unter die Idee, das Ideal. [sic!]
Daraus werden im Beitrag die Gleichungen abgeleitet:
Lucifer = Materie = Wille
Gott = Geist = Ideal
In seiner Antwort stellt Franz Evers, der seit 1892 Mitarbeiter der Sphinx war, dieser Auffassung den Dualismus von Lust, ein zentraler Begriff sowohl für Wilhelm Hübbe-Schleiden als auch Fidus, und Leid entgegen. Für ihn, entgegnet Evers, sei nicht das Ideal das Götlliche sondern die Idee. Das Ideal trete nämlich erst dann in Erscheinung, wenn sich die Idee ihrer selbst bewusst werde, sich objektiviere und selbst als Ziel setze. Dazu wiederum bedürfe es des Willens, weshalb Idee und Wille für ihn eins seien. Und er erklärt:
Die Idee kann nur sein, wenn der Wille zu Idee da war, und demnach würden wir wohl doch im Willen des Ewigen, des Seins oder Gottes den Urgrund der Idee, den Urgrund des Daseins finden. Der Wille Gottes setzte sich selbst als Idee, d. h. Gott wurde sich “bewusst”, oder in Bezug auf den obigen Satz, dass Idee und Wille eins sind, angewandt: Idee und Willen trennten sich.
Auf die selbst gestellte Frage, warum sie sich in der Gottheit trennten, gibt Evers die Antwort:
Um sich “bewusst” zu werden. Und die Gottheit wollte sich “bewusst” werden aus der Ueberfülle ihres Seins, aus Lust, aus Lust an sich selbst. Der Wille des Seins, also Gottes Wille war die Kraft dazu: der Wille ist die Kraft.
Anders dagegen verhalte es sich mit dem luciferischen Willen. Über diesen führt er aus:
Der luciferische Wille aber ist nicht der Wille zu sich selbst, zum Sein, sondern der Wille zum Gott gleich werden, der Wille zum Werden. Hier liegt der Unterschied: Der Wille Gottes und der Wille Lucifers; und in beiden liegt ihre Idee: Die Liebe Gottes aus Ueberfülle, aus Lust – und das Leid Lucifers an sich selbst, der Drang nach Lust, der Drang nach Gott. Lucifer wird zur Gottheit, d. h. beide werden eins, wenn der Drang nach der Gottheit erfüllt wird, wenn mit dem Leiden an sich selbst die eigene Lust wächst, die Lust aus Ueberfülle: die Liebe.
- P. F., “Idee und Wille – Gott und Lucifer”, Sphinx, Bd. 16, April 1893, Nr. 86, S. 171f. [↩]
Der rebellische Engel
In dem von Helena Petrovna Blavatsky und Mabel Collins weggelassenen Teil des Eintrags heisst es, dass Lucifer in früheren Zeiten ein christlicher Name gewesen sei und als solcher sogar derjenige eines Papstes. Und es wird erklärt:
It only acquired its present association from the apostrophe of the ruined King of Babylon in Isaiah as a fallen star: “How art thou fallen from heaven, O Lucifer, son of morning!” Thence as this destruction was assuredly a type of the fall of Satan, Milton took Lucifer as the title of his demon of pride, and thence “as proud as Lucifer” has become a very proverb, and this name of the pure pale herald of the day-light has become hateful for Christian ears. [1]
Auch der erste Beitrag der ersten Ausgabe der Zeitschrift, der sich ausführlich mit den Bedenken auseinandersetzt, die gegen den Titel Lucifer vorgebracht werden können, wird auf John Milton und dessen Dichtung Paradiese Lost verwiesen. [2] Dort sei Lucifer als der rebellischen Engel zwar der Feind Gottes und der Menschen, bei genauerer Betrachtung aber sei seine Rebellion Einforderung des freien Willens und des unabhängigen Denkens, als sei Lucifer ein Mensch, der im 19. Jahrhundert geboren worden sei. Die Wahl des Titels sei deshalb durchaus gerechtfertigt: “By choosing it, we threw the first ray of light and truth on a ridicolous prejudice which ought to have no room made for it in this our ‘age of facts and discovery’. We work for true Religion and Science, in the interest of fact against fiction and prejudice.” [3]
- “Er erlangte seine gegenwärtige Verbindung durch die Bezeichnung des gestürzten Königs von Babylon als gefallenen Stern: ‘Wie bist du vom Himmel gefallen, oh, Lucifer, Sohn des Morgens!’ Deshalb, nachdem diese Umdeutung zum festen Urbild des Falls Satans geworden war, verwendete Milton Lucifer als Bezeichnung seines Dämons der Stolzes, woraus sich die Redensart ‘stolz wie Lucifer’ ergab, und der Name des reinen fahlen Botens des Tageslichts für christliche Ohren begann verabscheuungswürdig zu tönen.” In der Übertragung von Luther lautet der Satz aus Isaiah übrigens: “‘Wie bist du vom Himmel gefallen, du schöner Morgenstern!’” [↩]
- What’s in a name? Why the magazine is called “Lucifer”, in: Lucifer, Vol. 1, 15. September 1887, Nr. 1, S. 1-7. Online: Lucifer. [↩]
- “Durch seine Wahl werfen wir den ersten Strahl Licht und Wahrheit auf ein lächerliches Vorurteil, das keinen Platz haben sollte in unserem ‘Zeitalter der Fakten und Entdeckungen’. Wir setzen uns für die wahre Religion und Wissenschaft ein im Interesse der Tatsachen gegen die Fiktion und das Vorurteil.” [↩]
“Bring light to the hidden things of darkness”
Für die Theosophie war Luzifer als Lichtträger oder -bringer die Verkörperung von Vernunft, Aufklärung und Fortschritt und damit ihrer Lehre.
Helena Petrovna Blavatsky, 1875 Mitbegründerin der Theosophischen Gesellschaft in New York und als solche eine ihrer führenden Persönlichkeiten, und Mabel Colins gaben ihrer Zeitschrift, die erstmals Mitte September 1887 in London erschien, den programmatischen Titel Lucifer. [1] Dieser wurde ergänzt mit dem Motto “Bring light to the hidden things of darkness”. Dabei handelt es sich um eine Stelle in einem Satz aus dem erstem Brief an die Korinther, der in der Übersetzung der Luther-Bibel lautet: “Darum richtet nicht vor der Zeit, bis der Herr komme, welcher auch wird ans Licht bringen, was im Finstern verborgen ist, und den Rat der Herzen offenbaren; alsdann wird einem jeglichen von Gott Lob widerfahren.”
Zusäztlich enthielt das Titelblatt der Zeitschrift ein Zitat aus dem damals populären Werk History of Christian Names von Charlotte Mary Yonge zur Bedeutung des Namens: “Lucifer is no profane or Satanic title. It is the Latin Luciferus, the light-bringer, the morning star, equivalent to the greek φωσφορος … the name of the pure pale herald of daylight.” [2]
- Digitalisat der Zeitschrift: Lucifer. [↩]
- “Lucifer ist keine gottlose oder teuflische Bezeichnung. Es ist ist das Lateinische Luciferus, der Lichtbringer, der Morgenstern, entsprechend dem Griechischen Phosphoros….. Es ist der Name des reinen fahlen Botens des Tageslichts.” Charlotte Mary Yonge, History of Christian Names, London 1863, S. 289. Online: History of Christian Names. Im Register der überarbeiteten Auflage des Buchs, die 1884 erschienen ist, ist Lucifer zwar aufgeführt, der entsprechende Passus fehlt aber. Online: History of Christian Names. [↩]
Vom verschämt abgewendeten Sohn zum höhnischen Luzifer
Der verlorene Sohn und/oder Lucifer in der für Fidus kennzeichnenden Überlagerung oder Vermischung von christlichem Gehalt und und thesosophischer Auslegung erschien ausser in der Sphinx 1901 in der Zeitschrift Jugend [1] , eine Variation davon 1903 in Der Eigene [2] und später als Druck und Bromsilber-Postkarte Nr. 137 im eigenen Verlag des St. Georgs-Bundes.
Wie in anderen Fällen auch wandte Fidus ein “Rotationsverfahren” an und machte durch eine Vierteldrehung der skulpturalen Figur mit Stand- und Spielbein aus dem verschämt abgewendeten Sohn einen höhnischen Luzifer.
- Jugend, 1901, Nr. 4, S. 53. Online: Der verlorene Sohn. [↩]
- Der Eigene, Mai 1903, S. 317. Zitiert nach Joachim S. Hohmann (Hrsg.): Der Eigene. Ein Blatt für männliche Kultur. Ein Querschnitt durch die erste Homosexuellzeitschrift der Welt. Frankfurt und Berlin 1981. S. 375. [↩]




