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Kein bleibender Eindruck
Erstaunlich ist, dass keine Zeichnungen oder Skizzen des Besuchs von Fidus auf dem Monte Verità erhalten sind. Vielleicht nicht Landschaftsstudien aber Blätter, die mit Ort und Datum bezeichnet sind.
Das Fehlen des Monte Verità im Werk von Fidus legt die Schlüsse nahe, dass er sich nicht lange dort aufgehalten haben wird und/oder nicht als Künstler dort war, sondern nur Besucher, und schliesslich dass der Aufenthalt keinen (auch buchstäblich) bleibenden Eindruck hinterlassen hat. Jedenfalls damals nicht, denn später mystifizierte Fidus den Monte Verità hemmunsglos (worauf noch zurückzukommen sein wird).
Die Sache ist vielleicht komplizierter. Möglicherweise stand Gusto Gräser ihm im Weg, oder Fidus bildete sich das ein, nachdem er ihn zum Vorwand gemacht hatte, Amden zu verlassen (vgl. Heiliges Gemeinschaftsmal mit Wurst und Schinken ). Als er sich 1907 in Ascona aufhielt, war Gusto nicht dort (vgl. Indessen sein Erbauer auf Reisen gegangen). Vielleicht hat Fidus den Zeitpunkt für seinen Besuch durchaus mit Bedacht gewählt.
Auch wenn Fidus auf dem Monte Verità hätte bauen können oder zumindest ein Atelier einrichten, stellt sich die Frage, ob das Leben dort seinen Vorstellungen entsprochen hätte. Im Zusammenhang mit dem Aufenthalt in Amden bemerkt Fidus, dass die “bürgerlichen Ansprüche” seiner Frau zu Reibereien geführt hätten. Vergleichbare bürgerliche Ansprüche dürfte er allerdings auch selber gehabt haben. Und besonders die Nähe zur Weltstadt Berlin oder wenigstens der Kunstmetropole München dürfte ihm gefehlt haben (Zürich bezeichnete er als “gewissermassen Weltstadt”, deren leichte Erreichbarkeit von Amden er schätzte). Wobei auch Woltersdorf nicht Berlin ist, die Siedlung aber einen Kompromiss zwischen Lebensreform-Experiment und bürgerlichem Eigenheim-Traum darstellt.
Aus sicherer zeitlicher und räumlicher Distanz
Der zitierte Brief von Henri Odenkoven erwähnt zwar das Atelier, aber eben gerade nicht einen oder verschiedene Tempel (vgl. Sehr gerne hätten wir hier das atelier bauen sehen).
1907 erhielt Fidus die Möglichkeit, ein Wohn- und Atelierhaus in Woltersdorf bei Berlin zu bauen. Kurz nach dem Besuch auf dem Monte Verità fuhr er dorthin, um dessen Bau zu beaufsichtigen. Dieser war von Arno Rentsch bereits in die Wege geleitet und begonnen worden. Für Oedenkoven dürfte damit von Anfang klar gewesen sein, dass Fidus nach dem zweiten Schweizer Aufenthalt 1906/07 sich in Deutschland niederlassen würde. Das freundliche “Angebot” eineinhalb Jahre nach dem Besuch auf dem Monte Verità für etwas, das nicht mehr zur Diskussion stand, geschieht also aus sicherer zeitlicher und räumlicher Distanz.
Vermutet werden kann etwa, dass Fidus 1908 eine Exemplar seiner damals erschienene Mappe Lebenszeichen Oedenkoven geschickt hatte, wofür dieser sich zum Jahresende höflich bedankte. Jedenfalls kann der Eingangssatz so ausgelegt werden: “Ausserordentlich erfreut[e] mich ihre errinnerung.” Nicht, dass es Oedenkoven freut, sich an Fidus zu erinnern, sondern dass Fidus an Oedenkoven gedacht und ihm buchstäblich ein Lebenszeichen gesandt habe. Was die Mappe selbst betrifft, bleibt Oedenkoven merkwürdig unverbindlich: “Auch ihre lebenszeichen erklären einiges; sprechend sind sie, wie sie es wünschen.” Aber offensichtlich liessen sie Oedenkovens Fragen unbeantwortet.
Hätte ein Werkhaus, so wie es Fidus etwa in Amden geplant hatte, zu den damals anspruchslosen Bauten auf dem Monte Verità gepasst, stellt sich die Frage, ob sich die Monumentalität seiner Tempel mit dem Individualismus der Kolonie vertragen hätte. Mit ihrem anspruchsvollen inhaltlich-künstlerischen Konzept haben sie zudem etwas ebenso Artifizielles wie Sektiererisches, das kaum mit den Ideen einer Siedlung und vor allem eines Sanatoriums, das sich auf natürliche Heilweisen beruft, in Einklang zu bringen gewesen wäre.
Dass das Projekt Grappenhof in Amden 1906 als gescheitert betrachtet werden musste, dürfte zudem nicht unbedigt förderlich gewesen sein, bereits im Jahr darauf ein Grossprojekt auf dem Monte Verità in Angriff zu nehmen. Überhaupt: Was von Fidus hätte gebaut werden sollen? Ein einzelner Tempel? Der Tempel der Erde vielleicht, der umgeben von Wasser wohl besser im Lago Maggiore als auf einem Hügel gestanden hätte? Oder sogar verschiedene Gebäude wie in Amden?
Freundschaft verbindet
“Versteckt” ist derzeit auch Fidus beziehungsweise das Fidus-Haus in Woltersdorf. Obwohl letzteres bunt saniert nicht zu übersehen ist. Nur findet sich kein Hinweis, dass es sich seit 1907 um das Wohn- und Werkhaus von Fidus handelt.
Für Aussenstehende eigenartig ist die Nische an der Strasse zwischen dem Grundstück mit dem Fidus-Haus und dem im Gegensatz zu diesem hinter Bäumen und Büschen versteckten Häuschen von Arno Rentsch mit einem Gedenkstein für den Flugpionier Martin Haller, der seit 1945 im Rentsch-Haus lebte.
Zwei Anschlagkästen enthalten Informationen zu Haller und Rentsch. Zwar wird bei Haller erwähnt, dass er stets eine enge Verbindung zum benachbarten Fidus-Haus gepflegt habe, bei Rentsch, dass er und seine Frau Elsa 1906 Fidus dafür begeistert hätten, das Nachbargrundstück zu bebauen. Und unter zwei Fotos, eines von Fidus und Rentsch, das andere von Haller, ist “Freunschaft verbindet” zu lesen. Doch mehr ist über Fidus und den Ort nicht zu erfahren.
Fidus-Denkmal soll wieder zugänglich werden
Das Denkmal von Fidus in Woltersdorf für die im Ersten Weltkrieg gefallenen Soldaten soll, wie die Märkische Oderzeitung meldet (Nutzungsvertrag für Woltersdorfer Fidus-Denkmal geplant), wieder zugänglich gemacht werden. Das teilweise stark verwitterte Denkmal steht auf einem privaten, wild bewachsenen Grundstück.
Derzeit entwirft die Gemeinde ein Nutztzungsvertrag mit Armin Schramm als Vertreter der Immobilien Beteiligungs- und Vertriebsgesellschaft der Bankgesellschaft Berlin mbH (IBV). Die IBV, hinter der ausser Schramm auch, “jüdische Alteigentümer”, wie es etwas gewunden heisst, stehen, hat das Areal des ehemaligen VEB Elektromechanische Werkstätten, der für seine Delta-Lötkolben bekannt war, 2007 bei einer Zwangsversteigerung erworben.
Die Einigung zwischen dem Bürgermeister Rainer Vogel und Schramm hat allerdings auch zu Misstönen oder vielleicht Missverständnissen geführt. So soll Vogel nämlich den Woltersdorfer Verschönerungsverein (WVV), der bereits früher Sicherungsmassnahmen am Denkmal durchführte, übergangen haben. Und die Frage wird aufgeworfen, ob er ihn durch den im April dieses Jahres gegründeten Verein “Kulturhaus Alte Schule” e. V. ersetzen will (Fidusdenkmal – Bauausschuss – Okt 2011 im Blog Das Journal).
Bild: Marcus Cyron, Wikimedia Commons.







