Archive for the ‘Zürich’ Category
Braucht das Museum noch Besucher und Besucherinnen?
Im Zusammenhang mit den geplanten Museumbauten in Zürich macht sich Philipp Meier, einer der beiden Leiter des Zürcher Dadhauses Cabaret Voltaire, unter dem Titel Bitte keine Bilder an die Wand hängen! in der Online-Ausgabe des Tages-Anzeigers Gedanken zur Kunstvermittlung in traditionellen Institutionen und im Internet.
Nicht dass das Kunsthaus Zürich oder das Landesmuseum für Millionen ausgebaut werden sollen, sei beunruhigend, meint Meier. Er gibt aber zu bedenken: “Dass im Zuge dieser Investitionen in das Kulturangebot der Stadt Zürich keine Diskussion darüber stattfindet, wie Kunst auch noch vermittelt werden könnte, zeugt jedoch von wenig Weitsicht.” Ihr stellt er die Kunstvermittlung im Internet entgegen: “Im Gegensatz zu den statischen Kunstvermittlungsformen im Theater oder Museum bietet sie jedoch eine enorme Agilität, einen riesigen Spiel- und Inszenierungsraum und könnte nebenbei auch gleich noch das absehbare Wegbrechen der Kulturberichterstattung in den traditionellen Medien abfedern.”
Nur nebenbei auch sei daran erinnert, dass Zürich sich noch vor kurzem mit der Plattform eZürich (“IT’s happening here”), übrigens nicht selbst, sondern durch die Berliner Agentur Zebralog, als offen gegenüber neuen Ideen und Technologien positionieren wollte. Kunst und ihre Vermittlung im Internet ist nie ein Thema gewesen. Was auch damit zusdammenhängen mag, dass beispielsweise das Kunsthaus Zürich schon lange nicht mehr ein Ort der Kunst und der Reflexion darüber sein will, sondern sich als Tourismusdestination verkauft und vielleicht verkaufen muss.
Dabei legt gerade die makellos Perfektion der Computerillustrationen auch des geplanten Erweiterungsbaus des Kunsthauses Zürich eigentlich nahe, dass es genügen würde oder sogar angemessener wäre, das Museum nur virtuell im Internet auszubauen (Beispiele sind etwa unter Kunsthaus-Erweiterung zu finden).
Die Illustrationen der Innenräume dokumentieren zudem das von Meier angesprochene Desinteresse an Kunstvermittlung und damit letztlich an Kunst. Während der Bau selbst sich als Denkmal zeitgenössischer urbaner Kultur und der Marke David Chipperfield Architects inszeniert, werden die Exponate auf Versatzstücke zur beliebigen Dekoration der üblichen weissen Wände reduziert und so die zukünftige Präsentationsform pseudoprophetisch auf Ausstellungsformen von heute und vor allem gestern vorweggenommen.
Zwei Fassungen derselben Innenansicht entlarven die Virtualität einer Vision, die sich nur ungern mit den Gegebenheiten in einem realen Museum auseinandersetzt. Und werfen Fragen zur Funktion der Besucher und Besucherinnen im zukünftigen Museum auf. So werden die eigentlich austauschbaren Ausstellungsstücke Besuchern und Besucherinnen gegenübergestellt, die durch die Variation ihrer Struktur selbst zu Objekten werden. Sind in der virtuell generierten Realität die Besucher und Besucherinnen die Exponante? Braucht das ideale virtuelle, virtuell entworfene oder reale Museum der Zukunft überhaupt noch Besucher und Besucherinnen?
Nicht nur, weil mich “Böcklins Geist umfing”
Wie eine Verarbeitung der Amdener Zeit präsentiert sich das 1904 in Zürich gemalte Bild Grollender Luzifer dar. Luzifer war für Fidus eine zentrale Figur, mit der er sich vor allem immer wieder im Zusammenhang mit dessen theosophischer Auslegung als Lichtträger und -bringer auseinandersetzte. Eine Figur, mit der er selbst sich wohl identifizieren konnte.
Grollender Luzifer und sein Gegenstück Traum stellen was die Umstände, unter denen sie entstanden sind, und die Technik einen Gegenpol zu den Illustrationen der Preisliste dar. Während sich Fidus zum Zeichnen der Blätter mit einem Zimmer als Atelier begnügen musste und im Frühling schon meinte, sich mit einem leerstehenden Laden “in einer Vorstadt” abfinden zu müssen, konnte er schliesslich einen Anbau des Zürcher Ateliers von Arnold Böcklin mieten. Hier malte er, schwärmt er in den Kleinen Lebenserinnerungen “so farbentief, wie ich bisher noch nicht gemalt hatte”. Fidus begründet dies damit: “Nicht nur, weil mich ‘Böcklins Geist umfing’, sondern weil ich endlich mal tempelhafte Fantasiebilder beginnen konnte.”
Auch wenn Fidus die beiden Bilder im nachhinein unverbindlich als “tempelhaft” bezeichnet, sind sie im Verzeichnis der umfassenden Gesamtausstellung seiner Werke, die 1928 aus Anlass seines 60. Geburtstags in Berlin und Hamburg gezeigt wurde, unter “Tempelkunst” aufgeführt. Die “Tempelkunst” bildete die erste Kategorie im Katalog, zu dessen Aufbau erklärt wird, dass die Werke “nach innerem Sinne und Zweck in Belange eingeteilt” und diese “nach Bedeutsamkeit gereiht” seien. Der Grollende Luzifer wird zudem ausdrücklich als “Entwurf zu einem Tempelbilde” bezeichnet.
Und Grauen packte meine müde Seele
Die Szenen der Illustrationen für die Preisliste der Günther Wagner, um die es vor allem in den vorangegangenen Beiträgen geht, hat Fidus als eine Art moderne Schäferstücke in eine zeit- und ortlose Idylle entrückt. Und er kann sie in Zürich genauso gut gezeichnet haben wie irgendwo sonst.
Wie ein Kommentar der Erfahrungen und vor allem enttäuschten Hoffnungen in Amden liest sich das Gedicht Himmlische Enttäuschung, vor allem dessen erster und letzter Abschnitt, von Max Kretzer, dessen Rahmenschmuck zusammen mit demjenigen für die Orientalische Ballade von Alwine von Keller Fidus in Zürich gezeichnet hat: [1]
Himmlische Enttäuschung
Der Engel meiner Kindheit war erschienen
Ein altgelobtes Wort mir einzulösen:
Zu führen mich in seine Himmelsheimat,
Wo sonnig blaut der Dom in blauen Weiten
Und wo Erlösung herrscht von allen Uebeln.
Als wir durchschwebt die ew’ge Todesstille,
Wo Reinheit thront auf weichen Lüftenwogen,
Kam es wie Menschenstimmen angezogen,
Die jäh gebrochen in der Klangesfülle.
Und stärker schwoll es an: Wie Geisterreigen
Hört’ ich die Stimmen auf und nieder steigen,
Bis in des Tongetaumels hohlem Branden
Sich jeder Menschensprache Laute fanden.
Und auf mein Fragen gab der Engel kund:
“Was Du hier hörst aus unsichtbarem Mund -
Das ist das Echo der Millionen Seufzer,
Die unaufhörlich von der Erde dringen,
Wo Leid und Schmez des Himmels Trost erwarten;
Denn aller Sehnsucht geht zuerst nach oben.
Du hörst der Hoffnung Seufzer leis ertönen,
Hörst die Verweiflungsvollen trübe stöhnen,
Hörst Gram und Hunger schamvoll wiederklingen
Und hörst der Todgeweihten letztes Ringen.
Was dumpf vermurrt wie unterm Grabestuch,
Ist eines Mörders letzter Lebensfluch,
Und was verweht wie sanftes Dämmerhallen,
Ist eines Kindes letztes Sterbelallen.”
Und Grauen packte meine müde Seele,
Erdabwärts ging das Ziel nun meines Wunsches,
Was sonst hier unten wurde still beweint,
Sah ich im Himmelsdom schreckhaft vereint.
- Das Gedicht von Max Kretzer mit dem Rahmenschmuck von Fidus erschien in der Berliner Illustrierte Zeitung, Nr. 17, 24. April 1904, S. 267. Später erschien es als Separatdruck mit der Katalognummer 253 des Fidus-Verlags. Vgl. auch Erste Gesamtausstellung der Werke von Fidus zu seinem 60. Geburtstage am 8. Gilbhart (X.) 1928, Woltersdorf bei Erkner [1928], S. 35, Nr. 597. Im Laufe deselben Jahres veröffentlichte die Zeitung zudem von Fidus den Rahmenschmuck zum Gedicht Ungenossenes Glück von Jenny Schnabl (Nr. 28, 10. Juli 1904, S. 443), eine Zeichnung zum Gedicht Traum des Südens von Maurice von Stern (Nr. 48, 27. November 1904, S. 779) und die Illustration zum ersten Teil des Vorabdrucks von Kretzers Roman Mann ohne Gewissen (Nr. 50, 11. Dezember 1904, S. 823) sowie eine Vignette für dessen Vorankündigung (Nr. 47, 20. November 1904, S. 763). [↩]






