Fidus-Projekt

Kunst und Lebensreform

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In dumpfem Brüten sitzt das prächtige Weib

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Ernst Th. Mayer, von dem unlängst der überaus interessante Beitrag Melencolia § I – der “angelo terrestre” und sein gleichzeitiges doppeltes Sehvermögen erschienen ist, hat in Kommentaren zum Eintrag Weitere Mittelalter-Zitate Berichtigungen und Ergänzungen zum Dürer-Stich gemacht. [1] So lautet der Titel des Blatts Melencolia § 1 (und nicht Melancholia), wahrscheinlich ein Anagramm für “Cameleon § LI I”, und bei der Fledermaus handelt sich wohl um den Ouroboros, die Schlange, die sich in den eigenen Schwanz beisst.

Im Zusammenhang mit Fidus stellt sich die Frage, welche Auslegungen des Stichs ihm bekannt waren oder bekannt gewesen sein könnten, und was er allenfalls in die Zeichnung Tinten miteinfliessen liess.

Zur Zeit, als Fidus an den Illustrationen für die Günther Wagner arbeitete, war die Diskussion über den Umgang mit Dürer von zwei völlig gegensätzlichen Positionen bestimmt. 1903 und 1904 erschien in drei Teilen die umfassende Untersuchung Dürers Stich Melencolia I und der maximilianische Humanistenkreis des Dürer-Forschers Karl Giehlow, die als Beginn der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Motiv gilt. [2] Eine dieser entgegengesetzte Haltung im Umgang mit dem Blatt, dass es sich nämlich der Erklärung weitgehend entziehen würde, bezieht dagegen der grosse Dürer-Band in der Reihe Klassiker der Kunst in Gesamtausgaben, der 1904 herausgekommen ist, mit der Einleitung des ebenfalls auf Dürer spezialisierten Kunsthistorikers Valentin Scherer. [3]

Scherer bemerkt zur Melancholie oder eben Melencolia § 1:

In dumpfem Brüten sitzt das prächtige Weib im Vordergrund, ein weites Gewand umgibt in weichen Falten ihre Gestalt. Alllerlei Geräte liegen ihr zu Füßen, und hell erglänzt der Horizont im Licht eines strahlenden Sternes. Um so geheimnisvoller wirkt der Dämmerschein, der alles andre beherrscht. Soll es die Befangeheit des menschlichen Geistes darstellen, der vergeblich dem Licht zustrebt, soll es tatsächlich das ersten Blatt der Temperamente sein, dem sich die beiden andern anreihen würden, wie man es aus der I im Schilde der Fledermaus, aus dem S. vor der Jahreszahl von Ritter, Tod und Teufel schließen wollte? Vergeblich suchen wir nach einer bestimmten Erklärung. Hier ganz besonders gilt das oben über die Allegorie Gesagte, und dazu kommt, daß Dürer selbst mit den Jahren immer mehr ins Grübeln und Spekulieren geriet, das so sehr es auch die Tiefe seines Gemütes verrät, für sein künstlerisches Schaffen ein Hemmnis gewesen ist und ihn abhält von der allgemeinverständlichen Sprache, die ein das Kunstwerk stets reden soll. [4]

Im erwähnten Hinweis auf den Umgang der Allegorie bei Dürer gibt Scherer zu bedenken:

Leider aber wird uns der Genuß der allegorischen Stiche dadurch getrübt, daß eine richtige Erklärung ihrer Bedeutung fast unmöglich ist. Dürer, der in regsten Bezihungen zu den Humanisten stand, war mit der ganzen Gedankenwelt einer alles allegorisierenden und symbolisierenden Zeit so vertraut, daß die aus solchen Studien und Anschauungen hervorgegangenen Arbeiten notwendigerweise uns, die wir viele jener Begriffe gar nicht mehr kennen, unverständlich sein müssen. So bleiben auch alle Erklärungsversuche die den festen Boden der Tatsachen verlassen, so lange fraglich, bis es gelingt, einen durchaus einwandfreien, gleichzeitigen Beleg hierfür zu finden. [5]

  1. Melencolia § I – der “angelo terrestre” und sein gleichzeitiges doppeltes Sehvermögen. Befunderhebung aufgrund der visuellen Geometrie von Dürers verschlüsseltem Selbstbildnis (1514). In: Musik-,Tanz- und Kunsttherapie, Vol. 20, 2009, Nr. 1, S. 8–22. Als kostenpflichtiger Download unter Melencolia § I – der “angelo terrestre” und sein gleichzeitiges doppeltes Sehvermögen. []
  2. Dürers Stich Melencolia I und der maximilianische Humanistenkreis. In: Mitteilungen der Gesellschaft für vervielfältigende Kunst, 26, 1903, Nr. 2, S. 29-41, 27, 1904, Nr. 3, S. 6-18 und Nr. 4, S. 57-78. Zur Bewertung Hartmut Böhme: Die literarische Wirkungsgeschichte von Dürers Kupferstich “Melencolia I”. In: Jörg Schönert, Harro Segeberg (Hg.): Polyperspektivik in der literarischen Moderne. Studien zur Theorie, Geschichte und Wirkung der Literatur. Festschrift Karl Robert Mandelkow. Frankfurt/M. 1988. S. 0–123. Online: Die literarische Wirkungsgeschichte von Dürers Kupferstich “Melencolia I”. []
  3. Dürer. Des Meisters Gemälde, Kupferstiche und Holzschnitte. Klassiker der Kunst in Gesamtausgaben, 4. Band. Stuttgart und Leipzig 1904. []
  4. Ebda., S. XXV. []
  5. Ebda., S. XXIV. []

Written by Edi Goetschel

April 5th, 2010 at 9:27 pm

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Weitere Mittelalter-Zitate

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Fidus: Tinten.

Fidus: Tinten.

 
Albrecht Dürer: Melancolia I.

Albrecht Dürer: Melancolia I.

Eine weitere Illustration, die auf das Mittelalter oder Kunst aus dem Mittelalter Bezug nimmt, ist das Blatt Tinten, das in der Preisliste der Günther Wagner keine Verwendung fand.

Die Anleihen bei Albrecht Dürers Kupferstich Melancolia I sind offensichtlich: die Figur der sinnierenden Frau (deren wehendes Gewand bei Fidus die Form des Flügels der Dürer-Gestalt aufnimmt, zudem hat Fidus das Flügel-Motiv im Rahmen aufgenommen), das liegende Tier (bei Fidus eine Katze, bei Dürer ein Hund), die Putten (bei Dürer sitzt ein Putto schreibend oder zeichnend neben der Engelsfigur auf einem Mühlstein in der Bildmitte) der geheimnisvolle Polyeder (bei Fidus als kleines Objekt, vielleicht ein Briefbeschwerer auf dem Schreibpültchen) oder die Verbindung von Figur und Titel des Bildes (bei Fidus durch den Rahmen, bei Dürer trägt eine Fledermaus ein Spruchband mit dem Titel des Werks). [1]

  1. Einstiege zu Dürers Stich bieten die Einträge Melancolia I und Rhomboederstumpf (Dürer-Polyeder) in der deutschsprachigen Wikipedia. []

Written by Edi Goetschel

März 20th, 2010 at 3:52 pm

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